Wunderköder Boilie



"Jedem ernsthaften Karpfenangler wird wohl bewusst sein, dass wir mit natürlicher Nahrung nicht konkurrieren können." Oder?

Meine heutige Meinung dazu: Absoluter Quatsch!

 

Erst mal können wir mit allem konkurrieren. Es bleibt nur die Frage, wie gut wir dabei abschneiden. Und zweitens, warum überhaupt konkurrieren? Wir müssen besser sein! Sonst gibt es für einen Karpfen wohl keinen Grund unseren Ködern den Vorzug zu geben. Und es ist genau der Köder, der das Karpfenangeln revolutioniert hat, der Boilie, welcher uns die Möglichkeit gibt, besser zu sein. Allerdings wird diese Möglichkeit nur selten genutzt.

 

Wer die naturgegebenen Instinkte der Karpfen berücksichtigen will, sollte nicht unbedingt auf gewinnorientierte Boilieproduzenten setzen. Ein guter Köder muss nämlich nicht teuer sein. Die Zutaten für so einen Boilie belaufen sich gerade mal auf ein paar Euro. Größtenteils bestimmt das Wissen um funktionierende Kombinationen und Mengenverhältnisse, wie fängig die Kugel wird. Das spiegelt sich allerdings eher selten im Preis wieder. Den wohl größten Teil verschlingen Lohn- und sonstige Kosten. Ach ja, und ein "klein wenig" will ja auch verdient werden. Für uns heißt das, Rückschlüsse auf die Qualität sind anhand der Preisgestaltung sehr fragwürdig. Was schreibe ich denn hier? Es muss heißen, Rückschlüsse auf die Fängigkeit..., denn selbst gute Qualität verliert an Fängigkeit, wenn sie falsch verarbeitet wurde. Und genau da gibt es bei den Fertigboilies einen ganz entscheidenden Makel. Ihre Produktion ist auf Masse ausgelegt. Ein Boilie bzw. dessen Teig muss gut und schnell zu verarbeiten sein. Dummer Weise sind die Kreationen, die wirklich auf die Vorlieben der Karpfen abgestimmt sind, oft schlecht zu verarbeiten. Sie sind einfach zu weich, zu klebrig oder haben eine zu grobe Struktur. Für einen Maschinenpark muss ein Teig aber nahezu perfekt zu verarbeiten sein. Die Fängigkeit spielt hierbei keine Rolle! Selbst geniale Ansätze, mit den tollsten Zutaten überstehen die Testphasen nicht. Der Teig wird zwangsweise so weit "verbessert", bis die meisten fangentscheidenden Eigenschaften einer guten Verarbeitung gewichen sind. So wird aus einer hammer Idee wieder nur ein Durchschnittsboilie. Zu rund, zu glatt, zu hart und zu bunt. Wenigstens mit einem tollen Geruch. Welcher uns leider nichts bringt, bis auf die Möglichkeit als Duftbaumersatz im Auto, als Mottenkugel im Kleiderschrank oder als Lufterfrischer auf dem Klo. Kurz: Zu schön und einfach zu weit weg von der Natur. Um das zu kompensieren gibt es ja Gott sei Dank Werbung. Wenn ich nur wüßte, wer für die zusätzlichen Kosten aufkommt? Und stimmt die Gleichung: Je mehr Werbung, desto besser wird ein Boilie?


Aber keine Angst, es gibt Fische die sowas tatsächlich fressen. Trotzdem bleiben genug Situationen in denen wir nichts fangen. Und wäre es da nicht schön, wenn wir den Köder als Fehlerquelle ausschließen könnten?

Bleibt die Frage, wie können wir es besser machen?

Ein paar Sachen sollten wir uns von Mutter Natur abschauen. Nein, müssen wir sogar. Stehen im großen Buch der Naturgesetze: Kapitel 12 Cypriniden und ihr Verhalten, Abs. 3 Nahrungsaufnahme. Also wer einen Karpfen fangen will, ist gut beraten, ein paar Grundregeln zu beachten.

 

Und ja, es kommt auf die Größe an! Karpfen bevorzugen in der Regel kleine Nahrung. Hier macht es Sinn die Natur als Vorbild zu nehmen. Abgesehen von Muscheln und Flusskrebsen ist seine gesamte Nahrungspalette eher winzig (Schnecken, Bachflohkrebse, Zuckmückenlarven, Würmer, Laich, etc.). Wann immer es geht, sollten wir daher kleinen Ködern den Vorzug geben.

Haben die Karpfen unser Futter erst einmal akzeptiert, werden sie den meist größeren Hakenköder gleich mit einsammeln. Warum der Hakenköder oft größer ausfällen sollte, ist einem Kompromiss geschuldet. Das Verhältniss von Köder und Hakengröße passt bei kleinen Ködern nicht. Der Haken wirkt einfach zu klobig. Würde man entsprechend kleine Haken fischen, wäre ein Fischverlust vorprogrammiert. Wir wollen ja doch immer die Großen fangen, oder? Da scheint es besser die Größe des Hakenköders so weit anzupassen, bis wir einen robusten Haken nutzen können. Trotzdem gilt: Den Köder so klein wie möglich und den Haken so groß wie nötig.

Bei kleinen Ködern spielt die Form übrigends eine untergeordnete Rolle. Jeder Karpfen nimmt Minniköder ohne Argwohn an. Auch die beliebte Kugelform. Selbst bei den naturgegebenen Ausnahmen (Muscheln und Krebsen) wird er immer die Kleineren wählen. Einfach weil sie weicher und somit leichter zu fressen sind. Wo wir gerade bei der Köderhärte sind.

Karpfen wollen möglichst wenig Energie bei der Nahrungsaufnahme verschwenden. Wann immer es geht, werden sie weiche Nahrung bevorzugen. Muscheln bilden hier wieder einen Sonderfall. Die bekommen sie nämlich leider nicht geschält. Aus meiner Erfahrung fressen sie aber, wenn überhaupt, nur winzige Süsswassermuscheln oder die sogenannte Teichmuschel. Bei kleinen Muscheln ist die Schale nun mal noch recht weich und bei der Teichmuschel scheint die Energiebilanz zu stimmen. Viel Fleisch für relativ wenig arbeit und sie ist aufgrund ihrer Form leicht zu knacken. Ach ja, Krebse werden natürlich bevorzugt nach ihrer Häutung gefressen. Wenn sie noch schön weich sind. Also die Natur gibt die Konsistenz vor und uns damit die Option einen weiteren Vorteil zu nutzen. Ein relativ weicher Boilie kann und wird sich im Wasser auswaschen. Also den Karpfen durch Micropartikel, die gelöst und ausgeschwemmt werden, anlocken. Er arbeitet quasi für uns. Eine steinharte Kugel hingegen hat keine nennenswerte Lockwirkung.

Und noch ein Vorteil, unser Boilie läuft nicht weg. Im Gegensatz zur natürlichen Nahrung, die alles versucht um nicht gefressen zu werden. Versteckspiel inklusive.

 

Aber was hilft uns die passende Ködergröße und -härte, wenn der Karpfen das Ding einfach nicht fressen will? Weil es ihm nicht schmeckt!

Der Geschmack ist somit unsere wichtigste Waffe. Viele sehen den Nährwert als entscheidende Komponente. Ich nicht! Ich bin der festen Überzeugung, dass der Karpfen, wie jedes andere Lebewesen auch, in der Lage ist die für ihn wichtigen Nährstoffe im Darm aufzuspalten. Alles was er nicht brauchen kann, scheidet er einfach wieder aus. Deswegen kann man ab und zu auch Fotos mit buntem Brei auf Karpfensäcken bestaunen. So als müsste der Fänger damit beweisen, dass der Fisch tatsächlich seine roten Erdbeerboilies gefressen hat. Für mich nur der Beweis, dass der rote Farbstoff nicht verwertet werden konnte.

Aber was hätten wir überhaupt für Vorteile von einem perfekten Nährwert?

Keine!

 

Der Karpfen bräuchte nicht mehr viel Nahrung aufzunehmen um seinen Nährstoffbedarf zu decken. Den einzigen Vorteil, den wir dadurch hätten, wir verringern unsere Chance zu Fangen. Ich frage mich gerade, ob der perfekte Köder dann genauso schlecht ist wie ein sogenannter Crap-Boilie? Nicht Carp sondern Crap, englisch für Müll. Vielleicht schließt sich hier der Kreis? Dann müßten wir also nur die breite Mitte treffe. Weder Perfekt noch absoluter Müll. Ok, soweit waren wir schon. Durchschnitt kann jeder. Aber halten wir fest: Zu viel Nährwert kann für uns nach hinten losgehen. Wir wollen einen Köder, der nicht sättigt aber so gut schmeckt, dass ein Karpfen erst aufhört zu fressen, wenn er nichts mehr findet. Die Chance ist dann groß, dass er warscheinlich sogar mehr frisst als er müsste.

Die gesamte natürliche Nahrung hat keinen sonderlich guten Geschmack. Ohne eine ordentliche Portion Salz schmeckt sie überhaupt nicht, fahde, einfach nach nichts. Ein Boilie sollte beim Karpfen eine regelrechte Geschmacksexplosion hervorrufen. Im Grunde müsste ihm alles besser schmecken, wie das wabbelige Zeug im Wasser. Ganz so einfach scheint es aber doch nicht immer zu sein. Karpfen haben definitiv Vorlieben. Ob diese angeboren sind oder sich im Laufe der Zeit entwickelt haben muss uns nicht interessieren. Trotzdem sollten wir sie berücksichtigen. Aber woher wissen wir was funktioniert? Oder sagen wir mal so: Was besser funktioniert?

 

Wenn wir uns mit der Natur vergleichen, ist eine gute Kombination der Schlüssel zu einer überlegenen Nahrung. Wobei ich unter Kombination nicht nur die Auswahl der richtigen Mehle, sondern auch die Dosierung aller Zutaten verstehe. Aber wo findet man solche komplexen Angaben? So leid es mir auch tut, hier hilft der Blick ins geliebte Internet nicht weiter. Zu wenig Zensur, zu viel Unwissenheit und zu viel Selbstdarstellung. Wer sich auf diesem Gebiet nicht wirklich auskennt, wird es schwer haben richtig von falsch zu unterscheiden. Ich kann euch nur ermutigen eigene Erfahrungen auf diesem Gebiet zu sammeln. Genau das macht in meinen Augen einen guten Karpfenangler aus. "Go your own way!" Findet eure eigenen Kombinationen.

Für alle, die nicht stundenlang in der Küche stehen können, achtet beim Boiliekauf auf die wichtigsten Eigenschaften. Testet verschiedene Hersteller ungeachtet der Preise. Findet ihr einen entsprechenden Boilie, wäre auch ein hoher Preis gerechtfertigt. Aber wie schon gesagt, er muss nicht zwangsläufig teuer sein.

Für alle, die zu viel Zeit haben, also die selber drehen, vermeidet versiegelnde Zutaten, wie Eggalbumin, Lactalbumin, Casein und benutzt nicht zu viel Ei. Finger weg von Flavour, kein Farbstoff und keinen Konservierer. Scheut euch nicht vor schwer zu verarbeitenden Mixen. Hiermit meine ich ausschließlich Eigenkreationen! Gekaufte Mixe sind immer gut zu verarbeiten, sonst kauf sie nämlich keiner. In kleinen Mengen kann man grenzwertige Teige auch ohne Nervenzusammenbruch verarbeiten. Wenn euer Boilie gut werden soll, verlasst die Standartwege.

Selbst wenn man glaubt eine Menge über Köder zu wissen, springen einem die Fische nicht von alleine ins Netz. Und genau aus diesem Grund zählen nur langfristige Erfahrungen. Köder sind nun mal nur ein Aspekt bei unserer Leidenschaft. Wenn auch ein wichtiger!


 

Fazit: Klein, weich, lecker und nahrhaft. So will es der Karpfen. Sorry, Natur! Gummibärchen kannst du nicht!

Man könnte glauben, so ein Boilie ist ein absoluter Wunderköder. Ist er auch. Es bleibt nur die Frage, ob wir auch an Wunder glauben.

Lars Müller