Erntezeit



Hallo zurück! Ich freu mich, dass ihr die Stunden ohne Fisch mit uns durchgestanden habt. Ich war immer noch ein wenig angepisst, wegen der Sache mit der Tigernuss. Trotzdem war Sie jetzt erstmal der auserkorener Köder für uns. Quasi unsere Nummer Eins.

 

Nur kurz zur Erinnerung: Unser Plan war der Einsatz von einer großen Menge Stickmix, angereichert mit ganzen Tigernüssen. Und die sollten uns auch als Köder dienen. Die paar Dumbels bzw. Kugeln, die ich noch kurzentschlossen kreirt hatte, waren zunächst nicht wirklich eingeplan. Aber damit hatte wir wenigstens noch etwas in der Hinterhand.

Beim Auslosen unserer Stellen hatte ich dann, in meinen Augen, etwas Pech. Alex durfte unterhalb fischen. Das heißt, er konnte seine Montage genau da ablegen, wo ich beim letzten Mal mein traumatisches Erlebnis hatte. Aber das war für mich völlig ok. Es war sowieso immer egal, wer fängt. Sonst hätten wir nicht zusammen fischen dürfen.

Mein Stickmix kam zumindest bei Alex schon mal gut an. Er hatte, aufgrund seiner Erfahrung, die Nüsse vorbereitet. Er kümmerte sich eigentlich immer um die Partikel. Ich um alles was mit Boilies zu tun hatte. Arbeitsteilung halt.

Im Grunde verlief alles völlig normal. Erst mal jede Menge Klamotten schleppen. Alleine für das Futter mussten wir zweimal laufen. Dann Ruten aufbauen, montieren, beködern und ab ins Wasser damit. Nach dem Füttern, konnten wir es dann etwas langsamer angehen lassen, uns ein wenig häuslich einrichten.

Wenn man mehrere Eimer Grundfutter einbringt, macht das schon ganz schön viel Krach. Und es waren große Eimer! Wir konnten nur hoffen, dass wir nicht alles auf nimmer Wiedersehen verscheucht hatten. Für uns war klar, dass jetzt erst mal nichts passiern würde. Sollte dann irgendwann tatsächlich ein Biss kommen, würden wir natürlich keine Futterbomben mehr nachwerfen. Wer will schon die gerade angelockten Fische direkt wieder vertreiben?

Wer mich kennt, hätte warscheinlich darauf gewettet, dass ich zumindest eine Rute mit den neuen Boilies fischen würde. Was soll ich sagen, ich konnte gar nicht anders. Also drei Montagen mit Tigers und Eine mit Tigerkugel. Jetzt fehlten eigentlich nur noch die Fische.

 

Um zwei Uhr Nachts wurden wir aus dem Schlaf gerissen. Irgendeine Rolle lief gerade heiß. Da wir die gleichen Bissanzeiger haben, mussten wir erst mal lokalisieren um welche Rute es sich handelte. Es war...die mit dem Boilie! Der Drill war nicht sonderlich spektakulär. Und beim zweiten Versuch lag tatsächlich ein Fisch im Kescher. Erst beim genauen Betrachten mit der Kopflampe, stellte sich raus, dass der Fisch dann doch größer war als vermutet. Ein toller Schuppenkarpfen. Und was noch viel wichtiger war: Mein erster Karpfen an dieser Strecke. Endlich!!! Eine riesen Last viel von meinen Schultern. Yes!!!

Alles war gut! Mir wurde erst langsam bewußt, dass ich mein Ziel endlich erreicht hatte. Nach gut 340 Stunden in diesem Jahr. Aber ein Fisch alleine hatte noch keine allzu große Aussagekraft. Ihr wißt schon, könnte Zufall sein. Das interessierte mich in diesem Moment allerdings herzlich wenig. Ziel erreicht, Punkt!

Als in den frühen Morgenstunden wieder ein heftiger Run erfolgte, begann unserer Theorie langsam aufzugehen. Es war wieder die eine Rute, die mit dem Boilie. Der Drill war mit dem in der Nacht nicht zu vergleichen. Ich schien eine Dampflock gehakt zu haben. Der Fisch war kaum zu halten. Es verging eine gefühlte Ewigkeit, bis ich den massigen Körper das erste mal sehen konnte. Da bekam ich doch ein wenig weiche Knie. Aber wie ihr seht, hat Alex den Schuppi sicher landen können.

 

Auch die nächsten zwei Fische nahmen meine Boilies. Damit stand es vier zu Null für die Kugeln. Unsere Theorie ist auf den ersten Blick voll und ganz aufgegangen. Wir konnten die Zahl der Bisse mit unserem Stickmix deutlich erhöhen. Aber die angeköderten Tigernüsse hatten bis jetzt noch keinen Fisch gebracht. Ich war wirklich heilfroh, dass ich den Schritt weiter zur gekochten Teigkugel gegangen bin.


Ein absoluter Traumfisch! All die Jahre ohne Fisch: Vergessen!


Die nächsten Tage waren einfach unglaublich. Plötzlich fingen wir Karpfen, fast wie selbstverständlich. Vor noch gar nicht so langer Zeit wäre das für uns undenkbar gewesen. Trotz einiger Schwergewichte haben wir uns über jeden einzelnen Fisch gefreut. Auch wenn es kein neuer PB war. Es ist nämlich grässlich, wie schnell man sich an gute Fische gewöhnt. Mit jedem Weiteren steigt die Gefahr, dass man kleinere Fische (selbst, wenn die vorher der Hammer gewesen wären) nicht mehr zu schätzen weiß. Die lange Zeit ohne Fisch hatte uns gelehrt dankbar zu sein.

Und jetzt nochmal zu einem interessantem Punkt. Wir hatten zunächst, wie ursprünglich geplant, die Tigernüsse weitergefischt. Allerdings hatten uns die Schrumpelnüsse auch nach ein paar Tagen keinen einzigen Karpfen gebracht. Auch die Fische die länger in unserer Obhut waren, haben keine Tigernüsse ausgeschieden. Alle Karpfen wurden auf die verarbeitete Variante gefangen. Und das war auch an ihren Ausscheidungen zu erkennen. Von nun an hieß es endgültig: Adios Partikel!

 

Diesen Fisch konnte ich euch natürlich nicht vorenthalten. War übrigens mein erster Spiegelkarpfen in diesem Fluss. Stimmt gar nicht! An diesem Flussabschnitt. Obwohl dieser falsche Zeiler (Zeilenkarpfen dürfen neben der Zeile keine anderen Schuppen haben) einer der kleineren Karpfen war, ließ er sich nur mit sehr viel Mühe über den Kescher führen. Wenn sich ein Drill so kurz vor der Landung in die Länge zieht, kann schnell mal ein Haken ausschlitzen. Vermutet man dann noch einen der seltenen Zeiler, fällt es verdammt schwer den Drill zu genießen. Zumal ich eine knappe Stunde vorher einen guten Spiegler kurz vor dem Kescher verloren hatte. Ich schreibe das jetzt ungerne, aber es war dummer Weise mein Fehler. Ich hatte unnötig zu viel Druck gemacht. Aber wie heißt es so schön? Hinterher ist man immer schlauer.

 

Mit der Zeit haben wir auf den Einsatz von unserem Stickmix verzichtet. In erster Linie fütterten wir Dumbels mit einem Durchmesser von 12mm. Dazu auch immer wieder ein paar Hände voll Boilies. Auch die Kugeln waren mit 16mm nicht viel größer. Da ich Dumbels ungerne als Hakenköder benutze, füttere ich auch fast immer Boilies dabei. Eben das, was bei mir am Haar hängt. Aber warum denn keine Dumbels?

Wenn sie vernünftig arbeiten sollen, also ihre Lockwirkung entfalten, dann werden sie einfach zu weich mit der Zeit. Sie brechen dann schnell auseinander oder werden einfach geklaut. Ich hätte natürlich extra Hakenköder machen können, aber das war in meinen Augen hier nicht nötig. Wenn die Karpfen die Dumbels erst mal fressen, nehmen sie die vereinzelten Kugeln (gleicher Sorte) auch mit. Immer gut, wenn wir Vorteile kombinieren können.

 

Nach einer sehr kalten Nacht war Alex endlich dran. Es war bereits eine geschätzte Stunde hell, als sich seine Rute verneigte. Fast auf die Minute lagen jetzt 364 Stunden zwischen diesem und seinem letzten Fisch. Er schien sichtlich erleichtert als der Schuppi, nach einem hartem Kampf, endlich ins sichere Netz glitt. Auch für ihn war die Freude unbeschreiblich. Ein hammer Sonnenaufgang und ein hammer Fisch!

 

Es heißt zwar so schön: "Never change a running system!", aber wenn man lernen will, muss man den Mut aufbringen zu experimentieren, wenn es läuft. Sonst sind keine Rückschlüsse möglich. Und selbst in solchen Situationen ist es wichtig immer wieder alles in Frage zu stellen.

Die Futtermenge war für uns dabei ein ganz entscheidender Punkt. Es ist nicht einfach die optimale Menge festzulegen. Füttert man zu viel, dauert es zu lange bis zur nächsten Aktion, füttert man zu wenig, kommt womöglich gar kein Biss mehr. Im Nachhinein bin ich der Meinung, dass ungefähr ein knappes Kilo Futter pro Rute optimal war! Allerdings auf unsere Situation bezogen. Ein Kilogramm kann durchaus zu viel, aber auch viel zu wenig sein.

Mit voranschreitender Zeit hatte ich das Gefühl, dass nur Kugeln etwas schlechter fingen. Wir hatten nämlich zeitweise auf Dumbels verzichtet und nur Boilies gefüttert. Aber das kann auch meiner Einbildung oder dem Zufall geschuldet sein. Denn selbst wenn es läuft, sind kleine Durststrecken zwischendurch normal. Ich werde das weiter beobachten.

 

Beim Ausprobieren war Alex noch etwas mutiger, so hatte er zwischendurch sogar die Boiliesorte gewechselt. Auch wenn es ein wenig dauerte, konnte er damit immerhin zwei Schuppis fangen. In der Summe zwei von 19 Karpfen. Es war zur Zeit anscheinend nicht ganz so wichtig, welcher Boilie am Haar hing. Andererseits war auf Vanilla Cake (der Versuchsboilie) immer verlass, wenn Fische da waren. Aber war die Boiliesorte wirklich egal?

Wir gehen davon aus, dass Karpfen im Fressrausch kurzfristig fast alles fressen. Wenn man aber mehrere Monate ohne Fisch unterwegs ist (natürlich nicht freiwillig), darf an den Ködern einfach kein Zweifel bleiben. Und glaubt mir, ich weiß wovon ich spreche. Was nützt das teure Tackel, wenn ihr keinen Lauf bekommt? Spart nicht am falschen Ende und setzt auf gutes Futter. Dann kann man wenigstens mit gutem Gewissen nichts fangen.

Was unsere verbleibende Angelzeit anging, blieb ich erst mal bei den neuen Tigerboilies und sollte damit Recht behalten.

Selten habe ich so um einen Fisch zittern müssen:

Schon der Run war brutal. Nach dem Anhieb gab es absolut kein Halten. Der Fisch riss mir förmlich die Schnur von der Rolle. Mir fiel sofort auf, das da irgendwas nicht stimmen konnte. Die Schnur veränderte ihre Richtung nicht, obwohl der Karpfen weiter flüchtete. Sie hing also irgendwo unter Wasser. Mir war klar: Der ist gleich weg.

 

Wir hatten hier schon einige Erfahrungen mit den Dreikantmuscheln gemacht. Immer wieder mussten wir nach einem Drill aufgeraute Schnur abschneiden, Vorfächer austauschen oder die Schlagschnur erneuern. Eigentlich konnte das gar nicht gut gehen.

Als der Fisch in die Flussmitte stürmte, löste sich endlich die Schnur und ich konnte zum ersten Mal frei drillen. Aber was hilft das, wenn man sich nicht mehr traut Druck zu machen? Nach einiger Zeit war dann ein grässliches Schleifen zu hören. Ich kurbelte aufgeraute Schnur durch die Rutenringe. Schon schlimm genug, aber der Anblick von wollknäulähnlichen Gebilden an den oberen Ringen ließ meinen Atem stocken. Die Schnur war wie abgeschält. Völlig im Arsch! An Druck war überhaupt nicht mehr zu denken. Und so liefen wir dem Fisch eine ganze Zeit lang hinterher. Erst an der dritten Stelle konnte Alex ihn dann endlich landen. Was für ein Brocken?

Wieviel Glück muss man haben, damit sowas gut geht?

 

Das Durchschnittsgewicht war bei der Anzahl von Fischen einfach unglaublich. Genauso wie die Größe der Fische. Flusskarpfen halt.

 

Auch wenn es bei uns die letzten Tage lief, wußten wir sehr wohl, dass es nicht immer so weitergehen würde. Die Zeit wird kommen, wo unsere Bissanzeiger wieder stumm bleiben. Da hilft auch der beste Köder nicht. An den großen Flüssen muss einfach alles passen. Und bei uns passte anscheinend alles!

Ich würde mich freuen... Ich fang nochmal an...Wir würden uns freuen, wenn ihr in der kommenden Saison eine ähnlich geile Zeit am Wasser verbringt. Ich will euch keine falsche Hoffnung machen, auch wenn ich der Meinung bin, dass eine lange Zeit ohne Karpfen zur guten Schule gehört. Wie soll man sonst lernen eine entspannte Zeit am Wasser zu verbringen. Gerade die großen Flüsse stellen uns manchmal auf eine harte Probe. Sie geben ihre Schätze nicht immer sofort frei, aber genau da liegt ja die eigentliche Herausforderung. Vertraut auf eure Ideen! Glaubt mir, es lohnt sich.

Lars Müller