Zeit zum Säen



"Hier am Fluss fühle ich mich wie ein blutiger Anfänger!" Ein Satz den ich Anfang diesen Jahres in meinen Notizblock geschrieben hatte. Er sagt eine Menge aus, besonders wenn er von jemandem stammt, der seit über 20 Jahren auf Karpfen angelt. Mein wohl größtes Handykap, ich bekam einfach kein Feedback von den Karpfen. Nicht im letzten Jahr, nicht im Jahr davor und davor auch nicht. Und ohne Feedback kann man sich nun mal nicht weiterentwickeln.

Auch die ersten Versuche in diesem Jahr knüpften gnadenlos an meinem Versagen an. Vieles sprach dafür dieser Strecke den Rücken zu kehren und endlich wieder Fische zu fangen. Aber das wäre einer Niederlage gleichgekommen. Kam also nicht in Frage. Und doch spukten mir immer wieder Aussagen von ortsansässigen Karpfenanglern durch den Kopf: "Also 1000 Stunden musst du hier rechnen!" oder "Du musst mindstens vier Wochen füttern, sonst geht hier gar nichts!" Ich glaube ja nicht alles, was man mir erzählt, dafür bin ich dann doch zu lange dabei. Aber Motivation zieht man aus solchen, mit Sicherheit gut gemeinten Ratschlägen, auch eher selten. Zumal ich nicht annähernd so viel Zeit hätte aufbringen können und ein Vorfüttern aufgrund der Entfernung zu meinem Heimatort ebenfalls nicht in Frage kam. Neben mehr Einsatz, blieb mir zunächst nur die Hoffnung auf einen Wink des Schicksals. Hoffen auf Glück!

 

Glück hatte ich dann mitte diesen Jahres gleich in zweierlei Hinsicht. So musste ich mich nicht mehr alleine auf den steinigen, mit Muscheln bedeckten Weg machen. Obwohl das in der Vergangenheit immer meine bewußte Entscheidung war. Unterstützung bekam ich jetzt von Alexander und meinem Hund. Mit Alex habe ich einen Gleichgesinnten gefunden, der auch gerne mal nichts fängt. Sonst würde er wohl kaum mit mir angeln gehen. Aber das Wichtigste, wir bewegen uns sozusagen auf der gleichen Wellenlänge. Ja, und mein Hund, der hatte keine Wahl.

"Wenn du gut werden willst, muss das Fangen zur Nebensache werden!" Um diesen Satz richtig zu verstehen, sollte man mal in Ruhe darüber nachdenken. Unter diesem Motto jedenfalls konzentrierten wir uns auf die schönen Seiten beim Fischen. Die teils atemberaubenden Naturschauspiele, gutes Essen und Trinken, wertvolle Gespräche und endlich mal Ausschlafen. Trotzdem stand unser Ziel felsenfest: Wir wollten einen Karpfen an genau dieser Strecke fangen. Auch wenn mir mittlerweile die Größe völlig egal war.

 

 

Wie wir uns von Fischen zu Fischen weiterentwickelt haben, bis hin zu unserem ersten Zielfisch, könnt ihr nachfolgend lesen. Welche Überlegungen dahinter standen und was letzten Endes funktioniert hat. "Zeit zum Säen" bezieht sich daher nicht, wie man schnell vermuten könnte, nur auf das Einbringen von Futter, sondern gleichermaßen auf das Reifen von Ideen.

Alex hatte einen tollen Einstieg. Er fing nach nicht mal sechs Stunden seinen ersten Karpfen. Das hatte ich bereits in meinem Artikel über das Blanken erwähnt. Was ich nicht erwähnt hatte, war der Köder und die Taktik, die dahinter stand.

Unsere Überlegung war folgende: Viele Karpfenangler füttern Partikel, Boilies und oder Pellets. Allerdings findet man den billigsten Köder nur selten am Haar. So war für uns klar, das wir auf jeden Fall die gefütterten Partikel auch als Köder benutzen mussten. Daher wählten wir als Futter eine Kombination von Mais, Dumbels und Boilies. Der Karpfen nahm natürlich die Maiskörner. Eine bittere Pille, besonders wenn man die Boilies selber herstellt. Aber wenn wir fangen wollen, müssen wir ab und zu über unseren eigenen Schatten springen. Leider konnten wir nicht klären, ob dieser Karpfen nur den Mais gefressen hat. Vielleicht war es nur Zufall, aber unser Augenmerk lag jetzt erst mal auf den kleinen gelben Körnern.


Die nächsten hundert Stunden vergingen wie im Fluge, aber wir konnten nicht mal einen Zupfer registrieren. Der Mais brachte uns scheinbar nicht weiter. War der gefangene Fisch wirklich nur Zufall? Oder Glück? Dabei verließen wir uns natürlich nicht nur auf den gekochten Hartmais, den wir selbstverständlich auch in vergorenem Zustand anboten. So waren auch immer wieder verschiedene Boilies im Spiel. Mal farblich abgestimmt auf die Partikel, mal völlig unauffällig. Mal süß, mal fischig, mal als Schneemann, aufgepoppt oder als Kombination. Brachte alles nichts! Wir standen scheinbar wieder auf der Stelle. Aber wir lernten stetig mehr über unseren Fluss. Mit jeder neuen Stelle, gewannen wir wertvolle Informationen über die dort vorherschenden Strukturen. Das war natürlich mit viel Arbeit verbunden. So fertigten wir Karten an, auf denen Wassertiefen, Bodenstrukturen und Entfernungen zu Kanten oder hängerträchtigen Bereichen eingezeichnet waren. Ebenfalls wurden Strömungsverläufe mit aufgenommen. Nicht ganz einfach, wenn Boote und die ferngesteuerte Variante verboten sind. So haben wir die meisten Informationen über die Spinnrute eingeholt. Was für ein Grund liegt vor? Wo ändert er sich? Gibt es irgendwo Hänger oder Kraut? Was ist mit Muscheln? Welche und Wieviele sind vor Ort? Wie sieht es mit anderen natürlichen Nahrungsquellen aus?

Und es war die natürliche Nahrung, die uns gedanklich in eine vielleicht entscheidende Richtung führte.

Neue Stelle, neues Glück. Beim Behaken des Flussgrundes mit meinem Gummifisch, blieben immer wieder Zuckmückenlarven am Haken hängen. Mein erster Gedanke, da müssen ja unzählige dieser roten Leckerbissen sein. Angrenzend gab es krautige Bereiche und im Kraut selber viele Schnecken. Zwischen den Steinen vermuteten wir Massen von Bachflohkrebsen. Zumindst konnten wir diese zu Hauf im Uferbereich finden. Einfach mal einen Stein umdrehen. So schien der Spot vielversprechend. Und tatsächlich konnten wir zwei Fischaktivitäten beobachten, die allerdings nicht eindeutig Karpfen zugeordnet werden konnten. Dafür war es leider zu windig. Gefangen haben wir in den folgenden Tagen wieder nichts.

So langsam drängte sich die Überlegung auf, dass die Karpfen sich womöglich auf natürliche Nahrung eingeschossen hatten. Sie ignorierten unsere Köder gänzlich. Wir wußten jetzt immerhin, dass es auf unserem Spot Bachflohkrebse in Hülle und Fülle geben musste. Deutlich zu sehen an unseren Ködern, die mit Fressspuren übersät waren. Aber was machen, wenn die Bartelträger scheinbar eine strenge Zucki- und Bachflohkrebsediät befolgen? Es ist wohl kaum möglich mit natürlicher Nahrung zu konkurieren. Versucht wird dies oft mit Würmern oder Maden. Auch wenn sie eine Alternative zu den Krabbeltieren im Wasser darstellen, sind Sie leider wenig selektiv und mit dem Festblei nur umständlich anzubieten. Aber über diese wirbellosen Tiere kamen wir auf die Größe unserer Baits zu sprechen. Scheinbar das Einzige, womit wir konkurieren könnten. So waren wir uns einig, dass wir mit unseren 16mm Boilies und dem Mais (vier Körner und mehr pro Haar) zu große Köder fischten. Also stellte sich eine einfache Frage: Welcher Köder ist klein genug? Hartmais hatten wir jetzt schon ausgiebig gefischt. Aber waren zwei Körner vielleicht besser als Vier? Vielleicht hatte die grelle Farbe ja sogar eine Scheuchwirkung?

Alex fragte irgendwann: "Was ist eigentlich mit Tigernüssen?" Wenn ich ehrlich bin, war ich nicht begeistert von diesem Vorschlag. Ich weiß, es gibt Karpfenangler, die schwören regelrecht darauf. Aber alleine die Tatsache, dass Karpfen die Tigers nicht gut verdauen können, war mir ein Dorn im Auge. Dazu sind diese Dinger sehr hart. Wie sollen sie da eine vernünftige Lockwirkung entfalten? Ich weiß, vergoren, also mit viel Schleim, bestimmt super. Aber wäscht sich das im Fluss nicht sehr schnell ab? Rückwirkend glaube ich, es war einfach nur meine fehlende Erfahrung mit diesem Köder. Was der Bauer nicht kennt... . Alex hingegen hatte Tigernüsse schon öfter mit Erfolg eingesetzt.

Aber was gibt´s denn noch?

Wir könnten Dumbels halbieren. Mit genug Eggalbumin könnten wir sie dann sogar als Hakenköder nutzen, selbst wenn Bachflohkrebse angreifen. Was den Geschmack, Farbe, etc. angeht, hätte ich alle Möglichkeiten bei der Herstellung.

Minniboilies?

Haben an besonders überfischten Gewässern schon oft punkten können. Aber sehr aufwändig in der Produktion. Oder sollte ich sagen ziemlich zeitintensiv? Und wir brauchten hier nicht nur ein paar Kilos.


Für das nächste Fischen einigten wir uns auf einen Mix von Hartmais und Tigernüssen. Wir verzichteten erstmals komplett auf Boilies. Auch unsere Hakenköder sollten kleiner ausfallen. Obwohl unsere letzte Stelle vom Gefühl her schon recht nah am Fisch war, wechselten wir. Ich erinnerte mich an einen Bereich, den ich vor Jahren schon mal befischt hatte. Auch dort gab es Zuckmückenlarven im Überfluss. Natürlich wurde die neue Stelle genau unter die Lupe genommen. Auf den ersten Blick sehr eintönig im Gegensatz zu den Spots, die wir dieses Jahr schon befischt hatten. Nur eine Kante im direkten Uferbereich, der Rest schien langsam abzufallen. Aber es gab unterschiedliche Grundbeschaffenheiten. So lag die erste Rute direkt an der vorderen Kante. Beim Ablegen, unter der Rutenspitze, konnte ich sogar merken, wie das Blei von einem Stein nach unten kippte. Exakter geht es nicht. Alle anderen Montagen wurden auf unterschiedliche Entfernungen geworfen. Gefüttert wurde dann quasi ein Streifen quer zur Strömung. Wir wollten natürlich auch die Karpfen, die nicht direkt auf einen Hakenköder zusteuerten auf eben Jenen umleiten. Funktioniert natürlich nur, wenn Sie das Zeug auch wirklich fressen. Um die Instandwirkung zu erhöhen, wurde der Mais, wie auch die Tigernüsse vergoren angeboten.

 

 

Wir haben es uns zur Angewohnheit gemacht, direkt vor dem Angeln zu losen, wer wo fischt. In dieser Nacht hatte ich vielleicht Glück beim Losen, aber Pech beim Fischen. Um fünf Uhr morgens bekam ich einen langsamen Run. 328 Stunden bis zur ersten Aktion in diesem Jahr. Zwei Tigernüsse am Haar. Ich setze völlig verdutzt den Anhieb. Meine Rute ähnelte einem Halbkreis. Ich ging dem Fisch entgegen, rief nach Alex und schon im nächsten Augenblick kam mir alles entgegen. Ich konnte es nicht fassen. Für mich brach eine Welt zusammen. Was soll ich sagen, mein Haken steckte bis zum Bogen in einer Tigernuss. In einer verdammt harten Tigernuss. Ich hätte kotzen können. Wie konnte so etwas passieren? Ist vorher noch nie passiert. Warum gerade jetzt? Es half nichts. Nehmen wir es positiv, Sie fressen Tigers.

Es blieb natürlich der einzige Biss bei diesem Fischen. Warum nur? Der Fisch war bestimmt nicht alleine. War es wieder nur Zufall? Es war übrigens die Rute an der Kante. Für unseren nächsten Besuch stand somit die Stelle und der Köder fest. Auf Mais würden wir gänzlich verzichten. Trotzdem machten wir uns weiter Gedanken, wie wir mehr Bisse provozieren könnten. Ich war nach wie vor von der Lockwirkung der Tigernuss nicht begeistert. Die Schale lässt einfach nichts durch. Ebenfalls war die Futtermenge schwer abzuschätzen, da wir keine Ahnung hatten, wie oft so ein Ding gefressen werden muss, bevor es dem Karpfen nützt. Hatten wir womöglich beim letzten Fischen schon zu viel gefüttert?

Wie könnten wir diese doofe Nuss attraktiver für die Bartelträger machen? Sie scheinen Sie zu fressen, aber Sie müssen Sie vorher auch finden können. Mahlen war in meinen Augen die einfache Lösung. So aufgebrochen könnten Sie ihre volle Wirkung entfalten. Schon vorher hatten wir über Grundfutter und dessen enorme Lockwirkung gesprochen. Jetzt war uns klar, welcher Hauptbestandteil unser Ass werden könnte. Ich war heilfroh, dass meine Getreidemühle die steinharten, schrumpeligen Nüsse überhaupt klein bekam. Ich wählte den Mahlgrad so, dass auch noch genügend grobe Stücke enthalten waren. Nach dem ersten Probieren wußte ich, warum die Karpfen so steil gehen. Verdammt sind die lecker! Eine super angenehme Süße, die süchtig machen könnte. Da ich schon einiges an Erfahrung mit eigenen Stickmixen gesammelt hatte, war es gar nicht so schwer einen guten Mix zu kreiren. Lediglich mit der Konsistenz im Wasser musste ich ein wenig experimentieren. Denn die Strömung war nicht zu unterschätzen. Mit der Zeit würde sich ein Teil im Wasser lösen und verdriften. Aber genau das sollte ja hungriege Karpfen auf unsere Köder aufmerksam machen. Trotzdem sollte das Zeug ja lange genug am Spot bzw. am Grund haften bleiben. Das Zusammenspiel von diesem Stickmix mit ganzen Tigernüssen schien mir ziemlich perfekt. Der fertige Mix schmeckte mir dann so gut (sogar in angerühtem Zustand), dass ich nicht umhin kam, weiter zu experimentieren. So hatte ich ein paar Versuche später einige Dumbels und ein, zwei Kugeln in meinen Händen.

 

 

Zu diesem Zeitpunkt konnte ich noch nicht ahnen, was dieser Köder für einen Umbruch bedeuten würde. Vor mir lag ein Hauch von Hoffnung.

Im zweiten Teil könnt ihr lesen und sehen, ob unsere Vermutungen Früchte getragen haben. Und ob der verheißungsvolle Titel "Erntezeit" gerechtfertigt ist.

Lars Müller