An neuen Ufern



Gefunden habe ich meine Herausforderung rund um einen Campingplatzsee. Über 10ha Wasserfläche, völlig verkrautet, Schwimmer, Verbote, ... aber der Reihe nach.

 

Meistens gibt es zwei Gründe, warum wir auf der Suche sind. Auf der Suche nach neuen, potenziellen Traumgewässern. Entweder wir haben es satt immer mehr von anderen Karpfenanglern bedrängt zu werden oder wir suchen nach neuen, gewichtigen Schönheiten. Zusammenfassend kann diese Suche, gerade in der heutigen Zeit, zu einer echten Herausforderung werden. Wer dann beides findet, sprich Ruhe und dicke Fische, dürfte sich wie im siebten Himmel fühlen. Zumindest so lange, bis all die anderen Suchenden auch endlich da sind.

Der eigentliche Grund für dieses Gewässer lag aber nicht bei mir, sondern bei meiner Frau. Eine Woche Urlaub auf dem Campinplatz. Mit der Hoffnung auf große Fische war ich natürlich schnell überzeugt. Mein ausgehandeltes Limit, drei Nächte fischen und vielleicht ein paar Stunden am Tag.


Ich hatte überhaupt keine Ahnung, was mich erwarten würde. Ich wußte nicht mal genau, ob es dort überhaupt Karpfen geben sollte. Geschweigedenn von irgendwelchen Gewichten. Auch wenn es heute Gang und Gebe ist sich vorher im Internet zu informieren, halte ich es bei meinem Lieblingsmotto: "Go your own way!" Ohne falsche Erwartungen werden wir nun mal auch nicht so schnell enttäuscht. Also alles was ich wußte: Campingplatzsee, die vorhandene Wasserfläche und das es dort Kraut geben sollte.

Normalerweise nehmen ja bekanntlich Frauen mehr Klamotten mit in den Urlaub, in diesem Fall war es wohl eher meine Schuld, dass unser Auto fast überladen war. Angekommen am Campingplatz gab es für mich dann kein Halten mehr, ab ans Wasser. Beim gemeinsamen Spaziergang um den See, bekam ich oberflächlich den ersten Eindruck. Mittlerweile wußte ich auch, wo ich nicht angeln durfte, wieviele Ruten (nämlich zwei), dass Boote nicht erlaubt sind und Füttern verboten ist. Mit dem letzten Punkt hatte ich als Karpfenangler natürlich meine größten Probleme. Aber Wulf Plickat hat es mal sehr treffend formuliert: "Carpanglers do it in the dark!"

Meine Strategie: Ich wollte drei Stellen parallel vorbereiten. Überall das gleiche Futter einsetzen (Vanilla Cake II). Und egal was passiert, nur eine Nacht pro Spot bleiben. Hört sich erst mal einfach an, aber die Sache mit den drei Stellen hat mich fast zum Verzweifen gebracht. Als ich nach über einer Stunde am See, mit Spinnrute und Gummifisch, immer noch keinen krautfreien Platz finden konnte und es zunehmend dunkeler wurde, hieß es: Ansprüche runterschrauben! Rund um den See befand sich ein Krautgürtel. Sonst war kein Grün zu sehen. Aber meine Vermutung, dass es sich um ein tiefes Loch handelt, bestätigte sich nicht. Mein Gummifisch verriet mir eine geschätzte Durchschnittstiefe von 2.5 Meter. Das schien mir für´s erste ziemlich perfekt, allerdings war alles völlig verkrautet. Alles zu! Meine Spots beschränkten sich daher notgedrungen auf wenige Quadratmeter, die zum Teil mit weniger Kraut bewachsen waren.

Die erste Nacht, das erste Ziel: Einen Fisch fangen.

Für mich bleibt die erste Nacht immer eine der Spannensten. Vor allem, wenn man nicht weiß, was Einen erwartet. Mein erstes Ziel konnte ich nach nicht mal einer Stunde abhaken. Die Nacht brachte mir dann sechs Läufe bei einem geschätzen Durchschnittsgewicht von 15 Pfund. Zwei Karpfen habe ich leider verloren. Einen direkt vorm Kescher, der Andere hat sich im Kraut verabschiedet. Aber beide Fische von ähnlichem Gewicht.

Wer so tief in einem Unterwasserurwald fischt, bekommt nun mal nur die gut gehakten Karpfen ins Netz. Das sollte uns von vorn herein bewußt sein. Wer aus Angst einen Fisch auszuschlitzen zu zimperlich oder vorsichtig drillt, der könnte seine Verlustrate durch abgerissene Karpfen noch zusätzlich erhöhen. Ein absolutes "No go!" Also ist entsprechendes Gerät ein Muss. Mein´s sah wie folgt aus: 3Lbs Ruten, 40er Hauptschnur, 142g Blei, 35Lbs Vorfach und dickdrätige 1er Haken.

Nacht Nummer zwei, das zweite Ziel: größere Fische fangen.

 

Und tatsächlich, die Karpfen wurden größer und schöner.

Aber auch die Drills wurden extremer. Wer versucht einen Karpfen an der Wasseroberfläche zu halten und ihm möglichst keine Schnur zu geben, der muss sein Gerät gut kennen. Wenn nicht sogar sehr gut! Nicht jeder Karpfen lässt das einfach so mit sich machen. Hart pumpen geht leider nur mit einer fast geschlossenen Bremse. Sehr gefährlich, wenn unser Gegner ohne Vorwarnung eine Flucht hinlegt. Wer jetzt mit den Fingern zu langsam ist, wird warscheinlich das Nachsehen haben.

 

Die Nacht brachte mir vier Spiegler. Davon ein paar sehr alte Fische, über die ich mich sehr gefreut habe. Ich persönlich glaube ja, dass ein alter, schlanker Fisch schwieriger zu überlisten ist, wie ein junger Dicker. Aber ganz ehrlich, die Dicken gefallen mir auch ganz gut. Mein Schnitt konnte ich immerhin um ca. zehn Pfund nach oben schieben.

Die dritte Nacht, das letzte Ziel: Einen Dicken fangen.

Es wurde ein Fischen mit wenig Schlaf. Diese Nacht war nicht so windstill, wie die Anderen. So war es für mich wirklich schwer, die Montagen verwicklungsfrei und exakt zu werfen. Lag ich auch nur einen Meter daneben, blieb der Bissanzeiger still. Daher habe ich nach spätestens zwei Stunden ohne Biss die Ruten neu ausgeworfen. So konnte ich in dieser Nacht neun Karpfen fangen. Ein Fisch blieb mir das Kraut schuldig. Wenn ich den Schlafmangel Außen vor halte, ist meine Taktik im Grunde aufgegangen. Ich konnte zwar keinen der ganz Großen fangen, mich aber immerhin von Nacht zu Nacht steigern. So konnte ich beim letzten Angeln nochmal fast zehn Pfund drauf legen. Damit war ich mehr als zufrieden.

 

Eins meiner Highlights in dieser Nacht war ein uralter Spiegler, der sich so tief in ein Krautfeld gewühlt hatte, dass ich ihn erst beim Freigraben meiner Montage fand. Zu dieser Zeit war ich mir völlig sicher, dass der Fisch bereits verloren war.

Mein zweites Highlight bescherte mir einer meiner Bissanzeiger. Ich war gerade mitten im Drill, als er plötzlich loskreischte. Da die Rolle stumm blieb, wurde mir schnell klar (na ja, ich hab ein paar Sekunden gebraucht), dass da was faul war. Der teils kräftige Regen hatte einen Weg ins Innere meines Bissanzeigers gefunden und strapazierte nun meine Nerven mit einem lauten Dauerton. Egal was ich versuchte, ich bekam das blöde Ding nicht stumm. Erst als ich die Batterie mit einem Messer herausoperiert hatte, war endlich wieder Stille.

Ich habe mir fest vorgenommen zurück zu kommen. Wer weiß, was hier noch möglich ist? Vielleicht im nächsten Urlaub?

In der Woche war gerade mal ein anderer Karpfenangler da, für ungefähr vier Stunden. Mit den Worten: "Hier kann man nicht fischen!" verabschiedete er sich. Er hatte sich im Internet über dieses Gewässer informiert und anscheinend etwas anderes erwartet. Manchmal mag ich das grüne Dreckszeug und das unzensierte Internet.

Lars Müller