Auf dem Präsentierteller



Es ist Freitagmittag, ich sitze in der Mittagspause, als eine neue Nachricht auf meinem Handy eintrudelt. Lars: “Die Fische auf unserem Spot sind voll aktiv, bin seit 5 Minuten da und der Erste ist schon gesprungen!“.

Nach der Pause lege ich einen Gang zu, am liebsten würde ich jetzt schon am Wasser sitzen. Gute 2 ½ Stunden später schiebe ich meinen Trolley um den See. Es ist einfach nur unerträglich schwül, das Thermometer zeigt gute 35°C an. Aber egal, ich will unbedingt fischen.

Schon von Weitem kann ich Lars auf unserer Stelle sehen. Wir haben uns eine Stelle ausgesucht, die eigentlich extrem viel befischt wird, allerdings nie von Karpfenanglern. Es sind immer nur Raubfischangler und Vertreter aus dem osteuropäischen Lager. Ein Grund, warum Lars so früh da war, er wollte uns unbedingt die Stelle sichern.

Ein weiterer negativer Punkt. Man wird bei allem, was man macht, von fast überall am See gesehen. Dazu führt direkt über unseren Köpfen noch eine Brücke hinweg, eine herrliche Sammelstelle, für interessierte Fußgänger, die einen natürlich die ganze Zeit beobachten können. An der Stelle angekommen wische ich mir erst mal den Schweiß von der Stirn und schaue mich um. Unter uns wird frisches Wasser von einem nahegelegen Fluss in den See gedrückt. An der Oberfläche vor uns sehe ich schon die ersten Karpfen rollen. Es sieht einfach alles perfekt aus. Da hier wegen den erschwerten Bedingungen nie auf Karpfen gefischt wird, hoffen wir, dass die Karpfen arglos fressen und den Spot nicht mit Gefahr verbinden.

Schnell werden Rod Pod und Ruten aufgebaut und es geht los. Montagen rein, Futter drauf und das Warten beginnt. Da wir fast alles abgespannt haben, haben wir uns dazu entschlossen, die Schnüre abzusenken. So hoffen wir, die Fische im Drill, einfach darüber hinweg ziehen zu können.


Mittlerweile ist etwas Ruhe eingekehrt. Seitdem die Ruten liegen, sind gute 1 ½ Stunden vergangen. Nur die Bissanzeiger haben hin und wieder einen einzelnen Piepser abgegeben.

Ich rede grad mit Lars, als mein Bissanzeiger den schönsten Ton der Welt von sich gibt. Piep, Piep Piiiiiiiep! Anhieb, der sitzt! Das fängt ja echt schon mal mega gut an. Nach ein paar Minuten kann Lars den Fisch keschern, was hier aufgrund des Höhenunterschiedes zum Wasser gar nicht mal so leicht ist.

Ein schöner langer Schuppi kommt zum Vorschein. Er sieht fast aus, als würde er aus einem Fluss stammen.

 

Kurz darauf ist der Fang versorgt. Wir sitzen wieder unter der Brücke und freuen uns über den ersten Fisch der Session. In der Ferne sehen wir nur eine schwarze Wolkenwand auf uns zukommen. Das sieht echt böse aus. Man sieht richtig, wie mit den Wolken der Regen langsam über den See in unsere Richtung zieht. Als er uns erreicht, kommt auch noch echt heftiger Wind dazu. Zum Glück haben wir unsere Schirme an der Brücke festgebunden.

Nicht mal unter dem Schirm ist man richtig sicher, unter meiner Liege fließt nämlich schon ein kleiner Fluss her. Ich hoffe die ganze Zeit, dass jetzt kein Biss kommt.

Der Regen wird immer heftiger. Von der Brücke über uns fließt jetzt eine richtige Wasserwand hinunter.

Wenigstens etwas Gutes hat der Regen, es kommt ordentlich Sauerstoff in den See und die Luft kühlt sich wenigstens ab.

 

Nach einer guten Viertelstunde beruhigt sich das Wetter und wir können wieder unter unseren Schirmen hervorkommen. Jetzt ist es richtig angenehm. Die schwülwarme Luft ist zum Glück weg und eine angenehme Briese weht uns ins Gesicht. Nicht nur wir finden das Wetter anscheinend gut zum Angeln, wenige Meter neben uns hat sich ein Angler aus dem osteuropäischen Lager niedergelassen. So wie es aussieht, wollte er eigentlich auf unsere Stelle. Aber egal, jetzt ist erst mal Lars mit Fische fangen dran. Wie aus dem Nichts läuft seine Rute, auch dieser Fisch sitzt.

Wirklich geil, nicht mal 2 ½ Stunden gefischt und schon 2 Fische. Auch diesen Fisch können wir sicher landen, ein schöner Spiegler. Alles läuft bisher super, bloß leider bleibt der Fang auch bei unserem Nebenmann nicht unbemerkt. Während des Drills steht er mit gezücktem Handy neben uns und schießt mehrere Bilder. Danach hört man Ihn die nächsten 30 Minuten telefonieren. Mehrfach fällt auf Russisch oder Polnisch das Wort Karpfen, wir ahnen nicht gutes. Eine knappe Stunde später bekommt unser Nebenmann Besuch. Nachdem er mitbekommen hat, wie wir einen Karpfen gefangen haben, hat er sich sofort Boilies bringen lassen. Ein Gedanke schießt mir durch den Kopf „Hoffentlich fängt der nix“.

Wir fangen in der Zwischenzeit zum Glück nur noch eine Brasse. Der Boilielieferant von unserem Mitangler kommt natürlich sofort rüber gelaufen und sagt nur :“ Oh schon zweite Fisch heute“. Wir versuchen Ihm unseren ersten Fisch auch als Brasse zu verkaufen. Hoffentlich hat er das geschluckt… Bis unser Nachbar zusammenpackt, fängt er zum Glück nix mehr. Wir allerdings auch nicht. Eigentlich ist das traurig. Bei vielen Leuten wünscht man sich, dass diese nichts fangen. Nicht nur bei denen, die leider jeden noch so kleinen Fisch mitnehmen und sofort Stellen, an denen etwas größeres gefangen wird, belagern. Sondern auch bei vielen anderen Karpfenanglern ist das leider so. Viele kommen nur auf Zuruf an ein Gewässer. Sobald irgendwer mitbekommt, dass woanders gut gefangen wird, sind Sie da. Oft wünsche ich mir, dass sich die Leute dann selber etwas mehr Gedanken machen würden, wo und vor allem wie Sie angeln könnten. Leider kopieren vielen nur und profitieren von den Lorbeeren der anderen. Manchmal könnte ich dann kotzen.

Oft erzählt man schon gar nicht mehr, wie die letzte Session lief, da sobald man mehr wie einen Fisch gefangen hat, alle wie die Fliegen kommen. Eigentlich echt traurig…

Den restlichen Abend über geht nix mehr. Der nächste Fisch kommt erst wieder mitten in der Nacht. Im Drill sagt Lars immer wieder nur: „Man fühlt der sich schwer an, könnte ein Wels sein“ Nach einer halben Ewigkeit und ein paar vor den Füßen eingesammelten Schnüren, können wir den Fisch endlich sehen. Es ist kein Wels, sondern ein seitlich gehakter Karpfen. Keine Ahnung, wie er das hinbekommen hat. Der Fisch hat auch eine Schwäche des Absenkens gezeigt. Die Schnüre direkt vor dem Ufer werden superschnell eingesammelt, da der Fisch vor dem Ufer nicht unter den Schnüren her schwimmen kann. Leider echt blöd. Dafür hat man den Vorteil, dass man schnurscheue Fische beim Fressen nicht so schnell vertreibt.

Der nächste Morgen wurde fischtechnisch super. Wir konnten mehrere schöne Karpfen fangen.

 

Zu unserem Glück oder auch Unglück, fing es in den frühen Morgenstunden an zu regnen. Wir mussten alle Fische im Regen drillen. Der Westwind, welcher uns entgegenblies, drückte den ganzen Regen richtig schön unter die Brücke.

Wenigstens waren dadurch keine nervigen Spaziergänger oder anderen Angler da, welche jeden Fang aufgrund der gut einsehbaren Stelle sofort begafft hätten.

Die nächsten Stunden waren eher mau. Bis auf ein paar Paddler über unserem Spot war nix los. Im Gegensatz zum Vortag war gar keine Fischaktivität auszumachen.

 

Am frühen Nachmittag ließ der Regen langsam nach. Mit ihm kamen auch endlich wieder Bisse. Zwei Fische konnten wir noch fangen. Darunter der schwerste Fisch der ganzen Session.

Hier konnte man noch mal schön sehen, wie das wohl für einen Fußgänger aussieht. Lars lief im Drill die Brücke hoch und beobachtete mich die ganze Zeit. Eins steht fest, wäre ich ein Fußgänger, würde ich bei dem Anblick auch stehen bleiben.

 

 

Nachdem es so gut weiter lief, waren wir uns sicher, dass wir in der nächsten Nacht noch einmal richtig abräumen würden. Aber Pustekuchen, es kam gar nix mehr. Wenigstens wurden wir mit einem schönen Sonnenaufgang und leckerem Frühstück entschädigt, welches ein befreundeter Angler vorbei brachte.

Gegen Mittag, nachdem die Sonne unsere Sachen getrocknet hatte, packten wir mehr als zufrieden zusammen.

Fazit: Manchmal lohnt es sich auch neue Stelle auszuprobieren, die auf dem ersten Blick ungeeignet und schwer zu befischen scheinen. Man muss nicht immer das machen, was die anderen machen. Auf Dauer wird dadurch das Angeln langweilig.

In diesem Sinn - go your own way -

Alex