Flussgeflüster



Vielleicht können es passionierte Flussangler bestätigen, jeder Fluss hat seine eigenen Gesetze. Wer sich nicht an diese Gepflogenheiten hält, wird mit Ignoranz bestraft. Oder um es etwas verständlicher für uns Karpfenangler auszudrücken: Mit einem Blank. Also, wir werden ohne Fisch nach Hause geschickt.

 

 

Dabei könnte es so schön sein. Da sitzt man mal wieder alleine oder mit einem guten Freund am Strom und jagt einem der kapitalen, adipösen Bartelträgern nach. Auch wenn sie manchmal aussehen wie von Bauchwassersucht geplagte Schweine, genau die wollen wir haben. Für einen eingefleischten Carphunter gibt es nichts Schöneres. Aber Stunde um Stunde vergehen, Tag für Tag verstreichen. Jede weitere Nacht starren wir etwas frustrierter an die Decke von unserem Brolly. "Wie kann das sein? Wo wir doch jeden See gerockt haben! Und seien wir mal ehrlich, wenn es einer drauf hat dann doch wohl wir!" Aber es will einfach keine Rolle heiß laufen. Willkommen beim Flussfischen!

Etwas müssen wir früher oder später wohl alle mal lernen. Und besonders die breiten Flüsse eignen sich besonders gut dafür. Ob wir uns jetzt für den besten Karpfenangler auf diesem Planeten halten oder bereits die Selbsterkenntnis gewonnen haben, dass wir nicht immer fangen können, spielt dabei keine Rolle. Ich denke ihr ahnt schon, worum es sich handelt. Blanken, blanken und nochmal blanken. Für die glücklichen, die noch nicht so richtig wissen, was "Blanken" in diesem Zusammenhang bedeutet: Es handelt sich hier um den Fachausdruck für das professionelle nichts fangen. Es soll ja Karpfenangler geben, die auf diesem Gebiet wahre Spezialisten sind.

 

Im Grund haben wir aber versagt, wenn wir nichts fangen. Oder? Wir können uns das gerne schön reden. Und richtig, es kommt nicht nur auf die dicken Fische an. Trotzdem gehen wir doch ans Wasser mit dem Vorsatz etwas zu Fangen. Wüßten wir im Vorfeld, dass wir die nächsten drei Tage keinen Zupfer bekommen, würden wir wohl nicht mehr ganz so euphorisch ans Wasser laufen. Es scheinen wohl die Möglichkeiten zu sein, die uns an die großen Flüsse treiben. Der Traum von einem gigantischen Fisch, verknüpft mit dem Glauben, dass wir ihn bald fangen. Wer möchte diesen Traum nicht leben?

Die Realität führt uns manchmal ziemlich ungeschminkt vor Augen, wie machtlos wir scheinbar sind. Wahrscheinlich wäre ahnungslos sogar die bessere Wortwahl. Aber eins bleibt sicher, wir können den nächsten Blank nicht verhindern. Die Gefahr dafür steigt sogar noch, wenn wir den Anspruch haben, uns stetig weiterzuentwickeln. Ob wir jetzt augenscheinlich schwierige Gewässer befischen oder einfach nur unsere Art zu Angeln verbessern wollen. Nicht jede Idee läßt sich nämlich erfolgreich umsetzen, so sind Rückschritte ein ständiger Begleiter. Neben einer Menge Geduld gehört dann wohl auch eine gewisse Reife dazu. Denn wer verzichtet schon freiwillig auf die Chance sich zu profilieren?

Gerade in der heutigen Zeit scheint ein Blank mehr als nur eine Nacht ohne Fisch zu sein. Wo doch im Grunde alles verfügbar ist. Und das Beste, wir müssen nie lange darauf warten. Ach, wie schnell haben wir uns an das "Immer, alles und sofort" gewöhnt. Aber jetzt, hier am Fluss, bekommen wir nicht immer auf Anhieb was wir wollen. Damit müssen wir erst mal klar kommen. Die Natur ist hier gnadenlos, sie gibt eine andere Zeitrechnung vor. Die Zeiger laufen noch in normalem Tempo. Wir müssen verstehen, dass nicht alles in unserern Händen liegt. Vieles können wir zwar beeinflussen, aber eben nicht alles. Es scheint als bleibe uns nichts anderes übrig, als ab und zu einen Blank zu akzeptieren. Das ist dann wohl die eine Sache. Aber wir müssen und dürfen uns nicht kampflos geschlagen geben. Denn Blank ist nicht gleich Blank. Wenn wir alles gegeben haben und nichts fangen, ist das völlig in Ordnung. Wenn wir Ihn aber billigend in Kauf nehmen oder in einen standby Modus verfallen, also immer nur nach Schema F verfahren, sollten wir vielleicht lieber zurück an einen See. In großen Flüssen braucht es da schon etwas mehr um dauerhaft erfolgreich zu sein.


 

Vielleicht sind mir die ganzen Blanks schon zu Kopf gestiegen, aber ich bin davon überzeugt, dass die Entscheidung, ob wir fangen oder nicht, größtenteils beim Fluss liegt. Also verflucht ihn nicht vorschnell. Lernt ihn zu lesen, ihn zu verstehen. Wer ihm Respekt und Ehrfurcht entgegen bringt, wird ihn irgendwann gnädig stimmen.

Auch wenn es nie unser Ziel war und ist, als Schneider nach Hause zu gehen, so macht es wenigstens irgendwie sympathisch. Wenn wir nichts fangen scheint bei den lieben Kollegen der Konkurenzgedanke nicht so schnell aufzukommen. Ist das nicht schön? Blanken verbindet! Wer über lange Zeit viele Entbehrungen auf sich nehmen musste, erntet für einen guten Fisch auch den gebürenden Respekt. Wer hingegen immer und überall fängt, erntet in der Regel nur Neid. Mehr nicht! Also laßt euch von ein paar Blanks nicht entmutigen. Wenn es mal nicht läuft, überlegt, ob ihr jetzt gerade daran etwas ändern könnt. Ist das nicht der Fall, lehnt euch zurück in den Karpfenstuhl und genießt die Zeit am Wasser. Vielleicht bekommt ihr genau dann die Eingebung, die euch weiter bringt. Und wer weiß, die meisten Läufe bekommen wir, wenn wir überhaupt nicht damit rechnen.

Ich kann jetzt schlecht einen Bericht über das Thema Blanken mit einem Fisch beenden. Das scheint mir unpassend und würde wohl in die Schublade gehören "am Ende wird alles gut". Das wäre wohl etwas am realen Leben vorbei. Trotzdem möchte ich abschließend ein positives Gegenbeispiel zu diesem leidigen Thema anführen.

 

 

Alex konnte bei seinem ersten Fischen an einem der wohl schwierigsten Flussabschnitte, die ich kenne, einen tollen Spiegelkarpfen landen. Nach nicht mal sechs Stunden wurde die Rute in einen Halbkreis gerissen. Von wegen wochenlanges Blanken. Wenn ihr abschließend einen Tipp haben wollt, vergesst das mit dem Blanken und macht es wie Alex.

Lars Müller