Geduld Teil 2



Geduld zahlt sich irgendwann aus. Mit Sicherheit! Wir wissen, im Bezug auf das Flussfischen, nur leider nicht wann.

Ich habe mir natürlich den ersten Teil nochmal durchgelesen, bevor ich mit diesen Zeilen begonnen habe. Nachträglich kann ich mir vorstellen, dass meine Formolierungen mit den "harten Kerlen" oder "echten Männern" bestimmt vom Einen oder Anderen belächelt wurden. Ich bin mir aber auch sicher, nicht von denen, die verstanden haben, was ich damit sagen wollte. Für alle anderen, habt ein wenig Nachsehen. Auch ein Outsider hat es nicht immer leicht. Ich habe gerade wieder fünf Nächte hinter mir. Alles andere als schön. Mieses Wetter und nicht einen Fisch gefangen. Trotz hohem Einsatz. Aber das ist eine andere Geschichte. So, jetzt habe ich eure Geduld genug strapaziert.

Fangen im Strom

 

Es ist nur ein kurzer Moment. Manchmal nur ein paar Sekunden. Und doch bleiben die durchlebten Gefühle lange haften. Der ungläubige Blick, wenn tatsächlich nach langer Zeit eine Rolle läuft. "Biss? Gibts doch gar nicht!" Die Panik, die sich breit macht. "Zur Rute, schnell!" Der Anhieb "Yes!!! Das ist wirklich ein Fisch. Ein Karpfen? Ich kann es nicht glauben, das muss ein Karpfen sein." Alles geht so schnell, oft wird uns erst im Drill bewußt, was wir da gerade machen.

Ich versuche immer schon abzuschätzen, mit wem ich es zu tun habe. Ich mag die wilden Schuppenkarpfen. Die erste Flucht ist fast immer unhaltbar. Gerne machen sie schnelle Richtungswechsel und stürmen gegen den Strom. Aber viele von ihnen sind Kurzstreckenläufer und schneller platt als man ihnen zutrauen würde. Ich muss allerdings dazu sagen, dass ich im Strom viel Druck ausübe. Es gibt natürlich Ausnahmen. Und die mag ich besonders. Der nebenstehende Schuppi hatte sich meinen Respekt wirklich verdient. Auch, wenn er den Kampf verloren hatte, es war einer meiner Wildesten. Er war wie ein Irrer immer wieder gegen den Strom geflüchtet. Um ihn dann etwas schneller ins sichere Netz zu bekommen, war ich ihm entgegen gewatet. Aus Erfahrung wußte ich (oder hatte ich zumindest gehofft), dass er irgendwann direkt vor meinen Füßen stromab ziehen würde. Und so sollte es auch kommen. An diesem Punkt hatte er schon einiges an Kraft eingebüßt. Ich konnte ihn also in die passende Bahn ziehen und er war mir direkt ins Netz geschwommen.

 

Dieser alte Spiegler hatte mir einen absoluten Traumbiss beschert. Ein langsamer Run. Fast gemütlich! Im Gegensatz zu den meisten Läufen, die einen an den Rand eines Herzinfarktes bringen. Zunächst war ich mir nicht sicher, ob mich da nicht irgendwelches Treibgut ärgern würde. Aber beim ersten dumpfen Schlag in der Rute bekam ich doch ein Grinsen im Gesicht. Dieser Fisch hatte sich überwiegend schwerfällig verhalten. Ein, zwei kurze Fluchten, ansonsten mußte ich schwer pumpen. Gegen den Strom. So schwer, dass mein 1er Haken angebogen war.

 

Wo wir gerade bei verbogenen Haken sind: Dieser hammer Schuppi hat mir ebenfalls einen Haken angebogen. Denkt jetzt bitte nicht, dass ich leichtfertig zu dünne Haken fische. Meine Haken sind schon recht kräftig gebaut. Aber kräftig war eben auch dieser Fisch. Die Fluchten waren nicht nur heftig, für meinen Geschmack auch viel zu lang. Wer weiß, vielleicht war dies sogar mein längster Drill im Strom. Mit Sicherheit einer meiner Härtesten mit einem Karpfen. Aber womöglich hatte ich doch einen Hauch zu viel Druck gemacht. Ist ja nochmal gut gegangen.

 

Noch eine Wuchtbrumme. Mal wieder ein richtig böser Run, aber ein durchschnittlicher Kampf. Mit einer Außnahme. Dieser Fisch war ebenfalls gegen den Strom gezogen. So hatte ich erst mit einem weiteren Schuppi gerechnet. Die gespiegelte Überraschung tat meiner Freude aber keinen Abbruch.

Aus meiner Sicht machen die Fische einen entscheidenden Fehler wenn sie gegen den Strom ziehen. Sie kämpfen dann nämlich gegen zwei Gegner. Die Strömung und uns. Das verraten wir ihnen aber lieber nicht. Mit dem Strom hätten wir sonst zuweilen zwei sehr starke Gegner.

Es ist immer einfach, besonders, wenn man gerade ein paar schöne Fische gefangen hat, zu behaupten: Geduld zahlt sich irgendwann aus! Wobei jeder für sich selber klären muss, was er überhaupt unter Geduld versteht. Für mich steht fest, wer an schwierigen Gewässern erfolgreich sein will, der braucht Geduld. Auch mal ein wenig Glück, aber hauptsächlich Geduld.

Lars Müller