Geduld Teil 1



"Flussfischen ist nichts für Weicheier. Hier sind echte Männer gefragt!"

Zur Einleitung habe ich mit Absicht eine fast schon provozierende Aussage getroffen. Und dennoch, traut sich jemand zu widersprechen?

Aber wir sollten erst mal ein wenig differenzieren. Denn Flussfischen ist nicht gleich Flussfischen. Kleine Flüsse bzw. Flüsse, die eher gemächlich vor sich hin fließen, stellen keine großen Ansprüche an uns. Im Gegensatz zu den dort lebenden Karpfen, da sie sich je nach Befischungsdruck nicht immer haken lassen. Vorher müssen wir sie allerdings erst einmal finden. Oder sie uns. Und das ist in einem langen oder verzweigtem Wassersystem nicht immer einfach. Noch schwieriger wird es, wenn die Flüsse breiter werden. Mehr Wasser, ohne besondere Strukturen, wie Einmündungen, Dämme, Löcher, etc. bedeuten noch mehr Stunden ohne Fisch. Vielleicht sollten wir lieber in Tagen rechnen? So und jetzt kommen wir zu dem, wo die "harten Kerle" gefragt sind. Hier kommen noch einige Schwierigkeiten oben drauf.

Karpfenjagd im Strom

Neben den Wassermassen verzichten wir auf fischverdächtige Stellen. Natürlich nicht ganz freiwillig. Oft gibt es interessante Bereiche. Sogar richtige Hot spots. Aber die dürfen oder können meistens nicht befischt werden. Was die Sache immens erschwert.

Warum sollten auch die Karpfen da fressen, wo es offensichtlich uninteressant ist? Nur mit umständlichen Futteraktionen und viel Geduld können wir uns eine kleine Chance ausmahlen. Um das mit dem Futter ein wenig zu erschweren, drehen wir einfach die Strönung noch etwas weiter auf. Somit ist es wirklich schwierig abzuschätzen, wo unsere Leckerbissen liegen bleiben. Oft ein Ratespiel ohne Feedback. Aber etwas Positives hat auch eine starke Strömung. Muscheln fühlen sich hier so richtig wohl. Um die Herausforderung noch ein wenig zu erhöhen, nehmen wir ein paar Schiffe dazu. Nicht die Kleinen, wenn möglich die ganz Großen. Somit steht einem wunderschönem Blank nichts mehr im Wege.

Zurück zu den Muscheln. Gepaart mit Steinen in jeglicher Form, lassen sie das Angeln zu einer regelrechten Materialschlacht werden. Beim Karpfenangeln gibt es nichts, was so materialintensiv ist, wie das Fischen im Strom. Hier gilt nicht höher, schneller, weiter sondern härter, schwerer, stabiler. Alles eine Nummer gröber. Schwere Ruten, große Rollen, dicke Schnüre. Kantige Steine, bzw. die daran haftenden Muscheln fordern eine kräftige Schlagschnur. Um diesem Grund und der starken Strömung gerecht zu werden, sollten die Ruten hoch stehen. Und vor allem stabil. Da die Bremse aufgrund der Strömung (ein Baitrunner stößt hier oft an seine Grenzen) relativ fest eingestellt werden muss, fliegt uns sonst beim Biss alles um die Ohren. Flusskarpfen kennen hier keine Gnade. Fast immer erfolgt ein heftiger Run, von Null auf Hundert.

Eine muschelsichere Montage versteht sich wohl von alleine. Dem größtem Risiko ist hier unsere Vorfachschnur ausgesetzt. Also ein dickes ummanteltes Material wählen. Neben einem stabilen Haken, auch gerne eine Nummer größer als sonst, darf das Blei auch kein Magermodel sein. Immerhin muss es trotz Strömung, Treibgut und Schifffahrt den Köder am Platz halten. Aber bei einem voll beladenem Frachter, welcher gegen den Strom fährt, bleibt kein Blei liegen. Hierfür ist übrigens unsere Schnur schuld. Je mehr davon durchs Wasser führt, desto schwerer machen wir es dem Blei. Wenn es Glück hat findet es ein paar Steine, wo es sich festkrallen kann. Dummer Weise will es dann oft nicht mehr loslassen. Also Augen auf und die Ruten früh genug wieder einholen. Wer hier dickfällig ist, provoziert bei entsprechendem Grund, öfter mal einen Hänger. Vor jedem Auswurf sollte der Köder kontrolliert werden (Noch hart genug? Ist der Boiliestop noch intakt?). Bei steinigem Grund ist ebenfalls die Hakenschärfe zu überprüfen. Natürlich wird stets auf Schwachstellen an Vorfach, Schlagschnur und Hauptschnur geachtet. Hier dürfen wir keine Kompromisse eingehen. Immerhin wollen wir kampfstarke Flusskarpfen fangen. Stellt euch vor, nach fünf Nächten ohne Fisch pfeift endlich eine Rute ab. Ein richtiger Vollrun. Ihr setzt den Anhieb, fast gleichzeitig wird die Rute nach unten gerissen. Die Rolle läuft heiß. Als der Fisch langsamer wird, fangt ihr an zu pumpen, aber nichts bewegt sich. Er steht einfach in der Strömung. Dann gibt er wieder Gas. Das war´s: Schnurbruch! Wenn ihr die lose Schnur eingekurbelt habt, werdet ihr ein aufgerautes Schnurende finden. Also, keine Kompromisse, angeraute Stellen sofort abschneiden.

Wetter ist ja immer ein Thema beim Angeln. Da wir einiges an Zeit investieren müssen, bekommen wir auch die eine oder andere unschöne Wetterkapriole mit. Das Beste dabei, Zelte sind natürlich meistens verboten. So sind wir unter einem offenen Schirm dann doch manchmal näher am Geschehen, als es uns lieb ist. Sturm, Regen, Blitz und Donner. Toll, wenn einem das Wasser waagerecht ins Gesicht fliegt und man sich nicht so richtig traut die Sturmstangen festzuhalten, weil es um einen herum ohrenbetäubend laut knallt. Ist halt was für Naturburschen. Von den nassen Sachen spreche ich erst gar nicht. Dabei müssen wir ja schon dankbar sein, wenn wir überhaupt fischen können. Ganz besonders zu dieser Jahreszeit. Ist das Wasser nämlich zu trüb oder der Wasserstand zu hoch brauchen wir erst gar nicht auspacken. Zu viel Treibgut ist übrigens auch eine unterhaltsame Sache.

Aber nicht immer gibt es Treibgut, welches uns rund um die Uhr beschäftigt. Also, was machen wir mit der ganzen Zeit? Wie auch immer wir sie nutzen, Zeit ist kostbar und sollte nicht nur in einer irrealen Welt verbracht werden. Vielleicht einfach mal die Ruhe genießen, ein gutes Buch lesen, etwas schreiben oder über das eigene Leben nachdenken. Und wenn wir nur in Ruhe frühstücken. Einfach eine stressfreie Zeit verbringen. Aber wer kann das heute noch? Geduld scheint in einer so schnelllebigen Welt fehl am Platz zu sein. Im Internetzeitalter gewöhnt man sich viel zu schnell an die Verfügbarkeit von allem zu jeder Zeit. Ich finde es sehr beruhigend, dass im Fluss nicht alles auf Knopfdruck zu bekommen ist.

Wenn wir über längere Zeit nichts fangen, machen sich automatisch zermürbende Gedanken breit. Die ersten Zweifel werden laut: Liegt meine Montage überhaupt am Futter oder habe ich die Fische sogar weggefüttert? Könnte es womöglich direkt an meinen Ködern liegen? Oder an meinem Vorfach? Sollte man nach 30kg Futter nicht wenigstens mal einen Zupfer bekommen? Verdammt, soll ich noch mehr ins Wasser werfen? Viele werden dabei so unsicher, dass sie ihren Glauben verlieren. Sie brechen irgendwann zusammen und geben auf. Spätestens, wenn man sich selbst nicht mehr riechen kann, kommt die Frage aller Fragen: Warum tue ich mir das an? Unterstützung brauchen wir nicht erwarten. Die sogenannten Kollegen sehen uns nur als Konkurrenz. Und die Famillie, Freunde, ja sogar die eigene Frau schütteln nur mit dem Kopf.

Und genau darum mache ich es. Weil ich anders bin!

Und darum:

 

 

"Was du quasi ohne besondere Mühe erreichst, ist nichts wert, egal wie schwer es ist! Je länger du warten mußtest, desto wertvoller wird ein Fisch!" Dieser Schuppi wiegt 229 Stunden. Come on!

Eine letzte Frage: Bist du hart genug?

Go your own way!

Lars Müller