Angeln im Paradies!



So oder so ähnlich muss es im Paradies aussehen. Eine gepflegte Parkanlage, das Gras kurz geschnitten. Überall grüne Bäume. Vögel zwitschern, ab und zu läuft ein Reh oder Hase vorbei. Inmitten dieser Idylle ein kleiner See, wunderschön angelegt. Umrandet von Schilf, kleine Seerosenfelder und Eisvögel die über das Wasser fliegen. Wer würde hier nicht gerne mal angeln? Aber es kommt noch besser. Es gibt einen guten Bestand an Grasfischen und Spiegelkarpfen. Und jetzt das allerbeste: Kein (kaum) Angeldruck! Da sich dieser See in Privatbesitz befindet, haben nur sehr wenige das Privileg hier zu fischen. Wie schon gesagt: Ein Paradies!

Wie fast überall im Leben, wo es um exklusive Vorrechte geht, haben wir ohne die entsprechenden Beziehungen kaum eine Chance. Das gilt natürlich auch für solche Gewässer. Dank der Einladung von Rene und Jonas war es mir möglich ein Wochenende mit den Beiden zu fischen. Auf den ersten Blick schien es sich um ein recht einfaches Gewässer zu handeln. Ein guter Bestand, leicht trübes Wasser und eine überschaubare Wasserfläche. Was sollte da schon schief gehen? Aber Jonas gab sich alle Mühe meine Euphorie etwas zu bremsen. „Hier fängt man nicht viele Fische!“ Ich blieb optimistisch. Ich war mir sicher, dass wir mindestens zehn Fische fangen würden. Ihrer Meinung nach wären sechs Fische absolut top.  

Es ist schon was Schönes, wenn man beim Angeln ganz offiziell grillen darf. Gerade als ich in mein letztes Steakbrötchen beißen wollte, ertönte mein Bissanzeiger. Der erste Biss. Wenig später konnte ich mich über unseren ersten Zielfisch freuen. Ein schöner Graskarpfen. Jonas und Rene wollten vorwiegend den Grasern nachstellen und da war ich natürlich dabei.

Der Abend verging wie im Fluge. Bei drei Anglern gibt es halt immer genügend zu fachsimpeln. Erst spät in der Nacht begann ein Fallbissanzeiger auf und ab zu hüpfen. Es war die Rute von Jonas. Ein paar Minuten später stand ich mit Kopflampe und Kescher am Ufer. Der erste Kescherversuch glückte und damit war Zielfisch Nummer zwei sicher. Jonas verzichtete auf ein Foto.

Ein Vollrun in den frühen Morgenstunden brachte mir einen Spiegelkarpfen. Meine Kollegen verschliefen das Ganze. Erst einige Zeit später bequemten sie sich aus ihrem Zelt. Bis jetzt lief alles wunderbar und ich hielt an den zehn Fischen fest. Bis jetzt. Der darauf folgende Tag war nämlich alles andere als fischreich und ich begann langsam zu zweifeln. Obwohl die Fische aktiv waren, konnten wir nicht einen Biss verzeichnen. Ab und zu bekam Rene einen Pieper auf die Rute, welche nicht für die Graser gedacht war. Sie war vornehmlich für die Bartelträger ausgelegt. Ein fischiger Köder an einer Standartmontage. Irgendwie waren wir uns alle sicher, dass nur noch der Hakenköder am Spot lag. Jonas wollte es ganz genau wissen und gründelte einige Zeit später selber an unserer Stelle. Und richtig, alles war weg! Dieses Szenario wiederholte sich. Ein, zwei Mal gepiept, Futter weg, keinen Fisch gehakt. Auf mein Nachfragen, wie oft hier wirklich auf Karpfen gefischt wird, erhielt ich als Antwort: Zwei bis drei Mal im Jahr. Wenn das schon so viel Angeldruck erzeugt, dass sich die Karpfen nicht mehr haken, will ich gar nicht wissen, wie es an normalen Gewässern aussieht. Und es ist ein schönes Beispiel, wie schnell die Karpfen lernen mit unseren Montagen klar zu kommen.

Der nächste Fisch war zugleich der Größte an diesem Wochenende. Wie man sieht war Rene der glückliche Fänger. Der Amur biss nach Einbruch der Dunkelheit. Er hatte anscheinend kein Problem mit dem Vorfach. Einer der seltenen Grasfische, der den Haken tief im Schlund sitzen hatte. Er wollte den Köder anscheinend wirklich fressen. Mit einer Löseschere war der Haken aber schnell gelöst. Ein toller Fisch!

Ein paar Stunden später war ich noch mal an der Reihe. Ganz typisch ist mir der Graser bis ins Netz gefolgt, wo dann das Spektakel begann. Er hat sich all seine Kraft für den Kescher aufgespart.

Und dann folgte etwas fast schon unerwartetes. Es war schon heller Tag, als die Karpfenrute einen Fallbiss meldete.

Es war geschafft! Einer der Hakenakrobaten hat sich ein wenig verschätzt. Oder er hatte einen schlechten Tag. Ich persönlich bin ja der Meinung, dass wir nur jeden zehnten Karpfen haken, wenn sie vorsichtig fressen. Wahrscheinlich eher weniger. Und dieser Fisch hatte wirklich Pech. Der Haken saß ganz knapp und dazu, nicht wie wir es kennen von oben nach unten, sondern von rechts nach links durch die Wulst der Unterlippe. Wie er das geschafft hat weiß ich nicht. War aber auch egal. Leider war es der letzte Fisch für unser Angeln. Ich musste mir zugestehen, dass ich mich etwas verschätzt hatte. Es sind leider keine zehn Fische geworden. Immerhin in der Summe Sechs. Der kleine See war wohl doch nicht so einfach, wie ich gedacht hatte. Aber gerade das macht in noch viel interessanter.

Vielen Dank an Rene und Jonas für das tolle Wochenende!

Lars Müller