Karpfen im Tulpenfeld



Wie geht ihr vor, wenn ihr euch entschieden habt auf Karpfen zu Angeln? Mal abgesehen von den Überlegungen, wo wohl gerade die Größten zu fangen wären. Ich denke wir können uns darauf einigen, dass die wohl wichtigste Überlegung der passenden Location gilt. Oder etwa nicht? Sogar die Köderwahl muss sich ihr unterordnen. Wer mich kennt, weiß wie viel ich mich mit Ködern auseinandersetzte. Dieses Thema dominiert meine ganze Fischerei. Über Jahre konnte ich dabei beobachten, was ein guter Köder ausrichten kann. Aber selbst der beste Boilie wird versagen, wenn kein Fisch in der Nähe ist. Deshalb gilt: Die Location schlägt den Köder!

Meine nächste Stellenwahl wurde allerdings nicht von den Vorlieben der Bartelträger bestimmt. Ein Tulpenfeld hatte mein Interesse geweckt. Ich war so fasziniert von den bunten Blumen, dass für mich eine andere Stelle gar nicht mehr in Frage kam. Da ich diese Nacht nicht alleine fischen wollte, musste ich allerdings ein wenig Überzeugungsarbeit leisten. Mein Kollege war von diesem Gewässer nämlich nicht ganz so begeistert, wie ich von dem Tulpenfeld. Ich wollte unbedingt ein Karpfenfoto mit den Tulpen. Die Fischgröße war mir dabei völlig egal.

An diesem Abend konnte Michael auf seinem Boilie den ersten Run verzeichnen. Nach dem Anhieb folgten so lange und heftige Fluchten, das wir zunächst auf einen guten Grasfisch tippten. Einige Zeit später vermuteten wir dann einen von außen gehakten Karpfen. Ich war selten so gespannt, was da gleich an die Oberfläche kommen sollte. Es war tatsächlich ein Karpfen, ein Spiegler. Und er war ordnungsgemäß im Maul gehakt. Was für ein Kämpfer!

In der folgenden Nacht konnte Michael noch zwei weitere Karpfen fangen. Leider nicht ganz so kapital wie der Erste. Ein weiterer Spiegler und ein Schuppi. Bei mir sah es etwas anders aus. Bis zum Morgen konnte ich nur zwei Fallbisse verschlagen und immer wieder einzelne Pieper verzeichnen. Obwohl ich meine Schnüre abgesenkt hatte. Zu meiner Entschuldigung: Meine Bleie waren zu leicht und meine Vorfächer zu lang. Aber ich hatte eindeutig Fische am Platz. Und sie fraßen mein Futter. Ein kleiner Trost für mich, da ich einen neu entwickelten Köder fischte. Verständlicher Weise konnte ich mit diesem Ergebnis nicht zufrieden sein. Schon die ganze Nacht spielte ich mit dem Gedanken, meine Vorfächer anzupassen. In diesem Fall zu kürzen. Um mindestens die Hälfte. Ich war mir sicher, ich hätte Fische gefangen. Trotzdem blieb ich bis in die Morgenstunden eisern. Dann wollte ich es wissen. Quasi meine letzte Chance auf ein Tulpenfoto. Ich änderte eine Montage und schon nach ungefähr 10 Minuten erfolgte mein lang ersehnter Dauerton. Es war genau diese eine Rute. Der Fisch kämpfte ähnlich entschlossen, wie der Erste von Michael. Normalerweise kescher ich meine Fische immer selbst. Wenn dabei was schief geht, war ich es wenigstens selber. In diesem Fall überließ ich Michael den Kescher. Routiniert landet er den Fisch und gibt mir zu verstehen, dass dieser Karpfen wirklich gut ist.

Der Zeiger der Waage blieb bei…stehen. Auch beim zweiten Anheben. Yes!!! Neuer PB in diesem See. Ich werde meinem neuen Boilie wohl doch noch eine Chance geben.

Diese Nacht hat mir mal wieder gezeigt, wie wichtig es sein kann ein Vorfach entsprechend der Situation anzupassen. Jetzt mal unter uns, wartet nicht so lange wie ich mit dem Anpassen. Wer viele Fische fangen will, muss schnell reagieren. Dass ich öfter mal widersprüchliche Dinge ausprobiere, liegt an meiner Zielsetzung. Die Zahl der gefangenen Fische ist mir längst nicht mehr so wichtig, wie die Erkenntnisse, die ich aus meinen Stunden am Wasser ziehe.

Selten habe ich mich mehr über ein Foto gefreut. Mein Tulpenfoto.

Lars Müller