Temperatursturz



Mein vornehmliches Ziel für den letzten Winter war ein Foto im Schnee mit einem Karpfen auf den Armen. Wie jedes Jahr. Und wie jedes Jahr habe ich versagt. Mal wieder. Mutter Natur versucht mir schon lange einzubläuen, dass Karpfen und Schnee nicht zusammen gehören. Was will man da machen? Sie sitzt am längeren Hebel. Aber wie ein trotziges Kind kann ich mich nicht beugen. Ich werde es auch die nächsten Jahre versuchen.

Ich will ehrlich sein. Für dieses Jahr hatte ich mein Schneefoto längst abgeschrieben. Aber dann geschah etwas völlig unvorhersehbares. Dieses Fischen werde ich so schnell nicht vergessen. Der April war gerade mal ein paar Stunden alt. Ich hatte eine Horrornacht hinter mir. So viel Sturm und Regen hatte ich selten ertragen müssen. Dazu eine ungemütliche Kälte. Meinen Schirm, welcher unter normalen Umständen gerade mal mit vier Heringen und zwei Sturmstangen steht, wurde mit neun Heringen (mehr hatte ich nicht!) und vier Sturmstangen gehalten. Und trotzdem konnte ich nicht schlafen, aus Angst Er könnte abheben oder zerreißen. Manchmal kennt die Natur kein Erbarmen. Sie war wütend, richtig wütend. Ich war heilfroh, dass ich mich für meinen dicken Schlafsack entschieden hatte.

Durch den Sturm und die kalte Luft wurde die Wassertemperatur über Nacht um zwei Grad nach unten gedrückt. Auf gerade mal 7°C. Nicht unbedingt das, was man sich als Karpfenangler wünscht. Aber Sie sollte noch weiter fallen. Die niedrigste Temperatur an der Wasseroberfläche betrug gerade mal 4°C. Wie es dazu kommen konnte werden wir gleich sehen. Wer die Fotos etwas genauer betrachte, wird wohl schon eine Ahnung haben.

Zu meiner Begeisterung löste mein Futter bei den ortsansässigen Reiherenten und Blässhühnern einen wahren Fressrausch aus. (Wenn das mit den Karpfen nur auch mal so gut klappen würde.) Beim erneuten Ausbringen meiner Montagen verzichtete ich daher auf zusätzliches Futter in Kugelform. Die Lockwirkung übernahm jetzt mein Boiliemix in Stippermanier. Auch wenn die blöden Vögel weitertauchen, diese Lockwirkung können Sie nicht restlos aufheben. Und damit sollte ich Recht behalten. Plötzlich verwandelte sich das ab und zu mal Piepen in einen Dauerton. Während ich den Fisch drillte, wurde aus dem Regen nach und nach Schnee. Zunächst dachte ich, ich würde träumen. Aber dafür war das weiße Zeug zu kalt und ich zu wach. Der Karpfen wollte sich einfach nicht geschlagen geben. Umso glücklicher war ich dann nach der erfolgreichen Landung. Das Schneetreiben nahm immer weiter zu.

Mein Schwiegervater Udo ermöglichte mir dann den Traum von meinem Schneefoto. Danke! Nach nicht mal einer Stunde war der Winterspuk vorbei. Die weiße Pracht verursachte einen heftigen Temperatursturz, die Reiherenten tauchten nach wie vor und ich war glücklich. Was für ein Timing!

Lars Müller