Time to loose!



Gibt es überhaupt dumme Fragen? Hat uns nicht schon die Sesamstraße gelehrt: Wer nicht fragt bleibt dumm?

Wer jetzt an den Klassiker denkt: „Gibt es hier denn überhaupt Fische?“ der hat mit Sicherheit eine dumme Frage gefunden. Wie ich finde wohl eine der dümmsten Fragen überhaupt, die wir ertragen müssen. Allerdings möchte ich mich nachfolgend mit eigenverantwortlichen Fragestellungen beschäftigen. Mit dem dummen Zeug in unseren Köpfen.

Um es vorweg zu nehmen, ich werde euch einige Antworten schuldig bleiben. Ich stelle sogar die Behauptung auf: Niemand kann diese Fragen beantworten. Denn genau dadurch zeichnen sie sich aus, die dummen Fragen. Es gibt darauf keine Antwort. Warum ich sie dann überhaupt aufgreife? Weil Sie uns ständig beschäftigen.

Ich lasse einfach mal meine letzte Session Revue passieren:

…Ich stehe gerade mit einem Freund am See. Mitten im Fachsimpeln über Fotografie läuft plötzlich meine rechte Rute. Überrascht setze ich einen beherzten Anhieb. Das läuft ja super denke ich. Gerade ne Stunde hier, nicht mal vorgefüttert. Könnte echt nicht besser laufen. Nach ein paar Minuten Kräftemessen ist der Fisch weg. Einfach ausgestiegen. F…k! Der war gut! Beim Begutachten des Vorfachs scheint alles in Ordnung zu sein. Hab ich zu viel Druck gemacht? Hätte ich doch lieber ein kürzeres Vorfach fischen sollen? Wäre der Karpfen dann womöglich besser gehakt gewesen?

…Mittlerweile ist es dunkel. Ab und zu bricht der Mond durch die Wolken. Windstill. Drei Pieper hallen über den See. Kurz darauf stehe ich mit krummer Rute am Ufer. Auch dieser Fisch baut viel Druck auf. Nach einigen Minuten stehe ich mit Watstiefeln im Wasser. Der wird mir nicht mehr ausschlitzen! Ich pumpe und pumpe. Bis es mit dem Pumpen vorbei ist. Der Karpfen sitzt fest. Innerlich breche ich zusammen. Warum??? Egal was ich anstelle, ich bekomme ihn nicht frei. Irgendwann entscheide ich mich schweren Herzens ihn abzureißen. Glück im Unglück. Irgendwas gibt nach und ich behalte meine Montage. Der Haken ist aufgebogen.

Was sollte das denn jetzt? Hätte ich mehr Druck machen müssen? Warum musste der Fisch ausgerechnet in diese Richtung schwimmen?

…Zufällig stehe ich gerade neben meinen Ruten, als mein Hanger langsam nach oben geht. Ich kann sehen, wie meine Schnur durch die Wasseroberfläche schneidet. Anhieb, Kurbeln, Kurbeln und Kurbeln. Sch…! Ich habe keinen Kontakt zum Fisch bekommen. Jetzt ist aber langsam gut! Wieder zweifele ich an meinem Vorfach. Hätte ich es kürzen sollen? War der Haken zu klein?

…Vollrun! Ich haste zur Rute. Versuche positiv zu denken. Obwohl ich schon viel Druck ausübe, erhöhe ich den Druck weiter, als der Karpfen eine mir bekannte Richtung einschlägt. Ich pumpe was das Zeug hält. Laufe sogar die Uferböschung hoch. Und dann… Ich merke noch, dass meine Schnur irgendwo lang scheuert. Sekunden später ist der Karpfen weg. Mein Rig ist gerissen. Mir fehlen die Worte!

War das jetzt zu viel Druck? Hätte ich den Abriss durch eine vorsichtigere Drillweise verhindern können?

Was für ein negativer Rekord. An dem Punkt weiter zu machen fällt echt schwer. Aber habt ihr was bemerkt? All die Fragen, die mich nach einem Verlust beschäftigt haben, waren dumm. Nicht auf den ersten Blick, aber auf den Zweiten. Solche Fragen sorgen lediglich dafür, dass wir unsere schlechte Laune etwas länger behalten. Wir können sie sowieso nicht beantworten. Nur Vermutungen anstellen, die dazu noch rein spekulativ sind. Und es immer bleiben werden. Ändern wir ein Detail, ändert sich das ganze Gefüge. Hätte ich z.B. im ersten Fall ein kurzes Vorfach gefischt, hätte ich den Karpfen vielleicht gar nicht erst ans Band bekommen. Oder ich hätte ihn trotzdem verloren. Oder…oder…oder! Alles Spekulation, die den verlorenen Fisch nicht zurück bringt. Den Blick nach vorne zu richten bringt oft mehr als sich ständig umzuschauen.

Versteht mich aber bitte nicht falsch. Es gibt Situationen, die verlangen geradezu nach einer Ursachenforschung. Sonst könnten wir uns nun mal nicht weiter entwickeln. Wir würden uns selbst die Chance nehmen, in dem was wir lieben, besser zu werden. Stellt euch einfach keine Fragen, die im Nachhinein nicht mehr zu beantworten sind. „Was wäre wenn?“ oder „Hätte“ bringen uns nicht weiter. Wenn ihr eure Unglücksfälle unter die Lupe nehmt, überlegt, ob womöglich Spekulationen eure Interpretation ungültig machen. Aufgrund von haltlosen Überlegungen ist noch keiner besser geworden. Ganz nach dem Motto: Eine gute Antwort beginnt mit einer guten Frage!

 

Nach meiner Misere, konnte ich dann doch endlich einen Spiegler in meinen Kescher bugsieren. Kein geringerer als der aktuell schwerste Fisch im See.

Hab ich jetzt doch alles richtig gemacht?

Lars Müller