Kleiner Fluss, große Karpfen!



… Silence! Darkness! Run!

Nach dem Anhieb ändert der Fisch schlagartig seine Richtung. Er zieht an mir vorbei und stürmt unaufhaltsam den Fluss hinauf. 10 Meter, 15-, 20-, 25-, 30-, 35 Meter. Bei gut 40 Meter ändert er die Richtung….

Wenn ich daran denke macht sich Euphorie breit. Mein Blut wird schneller durch die Adern gepumpt. Es war diese eine Nacht, die für mich unvergesslich wurde.

Zurück zum Anfang:

Es war die Ruhe, die mich an diesen kleinen Fluss zog. Ich wollte einfach mal auf Karpfen angeln, ohne eine Nummer ziehen zu müssen.

Ohne ihn geht hier nichts. Döbel sind ein ständiger Begleiter in kleinen Flüssen. Etwas schwieriger wird es mit unserem eigentlichen Zielfisch. Dem Karpfen. Zur größten Herausforderung in einem fließenden System gehört, die Karpfen zu finden. Zumindest einige davon. Um diese Jahreszeit ein schwieriges Unterfangen. Es ist einfach noch zu kalt, um sie zu Beobachten. Wir können uns nur auf unsere Intuition, unser Bauchgefühl oder unsere ominöse „Watercraft“ verlassen. Also Raten.

 

Ist der entsprechende Flussabschnitt gefunden, dreht sich wohl die nächste Frage um das Wo. Wo genau sollen wir Füttern? Das eigene Ufer, in der Mitte oder doch lieber am gegenüber liegenden Ufer. Oder vielleicht genau dazwischen? Kennt ihr dieses Verwirrspiel? Wenn wir nur wüssten, wo die Karpfen entlang ziehen.

Um jedem Schuppenträger gerecht zu werden, gibt es hier nur eine Lösung. Und die hab ich Tennisplatz getauft. Die eigene Unwissenheit zwingt uns auf der gesamten Flussbreite zu Füttern. Damit die Karpfen einen schmalen Streifen nicht achtlos überschwimmen, sollte er ungefähr doppelt so lang wie breit sein. Erinnert von der Form her an einen Tennisplatz. Für uns ist jetzt völlig egal, wo der Karpfen seine Bahnen zieht. Er wird zwangsweise auf das Futter stoßen. Findet er Gefallen daran, wird er nach kurzer Zeit die gesamte Flussbreite zum Fressen beanspruchen. Dann ist für uns egal, wo wir unsere Montage anbieten. Von der Futtermenge bleiben wir, wie es die Jahreszeit gebietet, eher bescheiden. Sie kann später dem Fressverhalten der Fische angepasst werden. Wer seinen Spot über drei Tage vorbereitet hat und keinen Fisch fängt, macht etwas Grundlegendes falsch oder es gibt dort keine Karpfen.

Manchmal ist es ein Fluch! Egal wo ich fische, ich muss irgendein Ziel haben. Das trägt nicht unbedingt immer zum Entspannen bei, kann aber auch sehr motivierend sein. Mein Ziel an diesem Fluss: Einen von den großen, eher schlanken Schuppis mit richtig viel Power. Eine Kampfmaschine. Allerdings ist dieses Ziel keineswegs neu für mich. Ich trage es schon viele Jahre mit mir herum.

Mein Spot wurde gut angenommen. Ich fing ab der ersten Nacht einige schöne Fische.

 

Darunter mein neuer PB (Personal Best) auf dieser Strecke. Ein wuchtiger Spiegler mit breitem Rücken. Schon dieser Fisch war für mich etwas ganz Besonderes. Deutlich mehr Power, wie seine Kollegen in den stehenden Gewässern. Aber noch nichts im Vergleich zu dem, was da noch kommen sollte. Es geschah in Nacht Nummer drei. Bis dahin kein Blank und keinen Fisch verloren.

Vollrun! Ich reiß den Schlafsack auf und stolpere zur Rute. Ein aggressiver Fisch. Er kämpft direkt unter der Wasseroberfläche. Kopfschläge, dann ein Richtungswechsel …weg! Etwas benommen werfe ich die Rute aus und kriech zurück in den Schlafsack. …Scheiße!!!...

Mit dem Bewusstsein, dass ich gerade einen Schuppenkarpfen verloren habe, schließe ich die Augen. Aufgrund des ungestümen Verhaltens rede ich mir ein, dass es kein großer war. Na dann, gute Nacht!

Ich war schon völlig weggetreten, als erneut meine Bremse kreischt. Dauerton! Die gleiche Rute. Dieser Fisch reagiert völlig anders. Direkt nach dem Anhieb kommt er auf mich zu. Und er gibt Gas. Schnell ist er an mir vorbei und rast gegen den Strom. Meine Rute bis ins Handteil gebogen, die Bremse kreischt. Zu meinem Entsetzen wir meine Schnur mittlerweile durch ein ganzes Gewirr von Ästen gezogen. Obwohl gezogen trifft es nicht, eher gerissen. Ich schaff es nicht die Schnur aus den Ästen zu befreien. Ich komme mit der Rute einfach nicht weit genug nach vorne. Und meine Watstiefel liegen zu weit hinter mir. Scheiß Bäume! Nur einen Schritt zurück und ich würde die Schnur noch tiefer in das Geäst ziehen. Ich mach mir ernsthaft Sorgen um die Tragkraft meiner Schnur. Wäre nicht das erste Mal.

Mein zweites Handykap, ich kann kaum etwas sehen. Auch meine Kopflampe liegt in sicherer Entfernung. Normalerweise kann ich im Drill immer zurück gehen. Normalerweise findet der Drill immer stromab statt. Aber nicht heute Nacht.

Der Fisch wird endlich langsamer. Meter für Meter bekomme ich meine Schnur zurück. Als mein Gegner endlich in die Flussmitte schwimmt, schnellt meine Schnur nach und nach aus den Bäumen. Wer ähnliches schon erlebt hat, kann mit Sicherheit nachfühlen, wie ich dabei innerlich gezittert habe. Endlich kann ich den Fisch frei Drillen. Anstatt jetzt die Strömung zu nutzen, macht er gar nichts mehr. Er liegt direkt vor mir. Ich kann lediglich den Kopf erahnen. Mehr kann ich nicht sehen. Würde ich jetzt zurückgehen, um die Kopflampe zu holen, würde ich ihn vor die Böschung ziehen. Zu riskant. Also versuch ich ihn blind zu Keschern, ohne zu wissen wie groß er ist. Es klappt. Der Fisch ist müde.

Dann der große Moment. Ich schalte die Kopflampe ein. Da liegt er.

Mein absoluter Traumfisch. So wie ich ihn haben wollte. Makellos, wild und stark! (PB!) Diese Nacht werde ich so schnell nicht vergessen. Beim späteren Kontrollieren meiner Schnur auf Beschädigungen, muss ich fast 40 Meter abschneiden.

Ich bin gespannt, welche Überraschungen dieser kleine Fluss noch für mich bereithält.

Go your own way!

Lars Müller