Theorie und Praxis!



Gehört ihr auch zu den Karpfenanglern die das ganze Jahr durchfischen? Ich meine nicht die, die das schon mal gemacht haben. Ich meine die, die das regelmäßig machen. So zu sagen die Kranken unter uns. Also, gehörst du dazu oder bist du noch zu weich? Spaß beiseite! Wir können eine ganze Menge lernen von diesen Psychopaten. Wenn sie ihr Wissen mit uns teilen.

Ich hatte das Glück einem davon über die Schultern zu schauen. Grundsätzlich ist er der Meinung, dass die Karpfen erst ab 5°C Wassertemperatur regelmäßig fressen. Ich entgegne darauf, dass sie meiner Meinung nach auch schon bei niedrigeren Wassertemperaturen regelmäßig fressen.

Er: „Ja, dass tun sie. Aber nicht so regelmäßig, dass du sie dann auch regelmäßig fängst.“

Ich kann mir die Frage, wo man jetzt am Besten die ersten Schuppenträger fängt, nicht verkneifen. Bekomme als Antwort allerdings nur ein müdes Lächeln. Als ich nicht locker lasse bekomme ich wenigstens noch einen kleinen Tipp:

„Da wo die Karpfen sind. Nimm ein Gewässer mit einem gutem Karpfenbestand und nerv nicht!“

Und die Montage? Ich habe vor kurzem ein Videoclip im Internet gesehen. Zum Thema: Karpfenangeln im Winter. Ein Carphunter riet zu Vorfächern von gut 50cm und einer Laufbleimontage.

Ich ernte einen finsteren Blick, sehe ein Kopfschütteln und höre: „Du glaubst auch alles, oder?“

Aber er hat mehrere Fische gefangen! Zumindest gab es eine ganze Serie von Fotos zum Abschluss.

„Hast du gesehen, wie und wo er die Fische gefangen hat? Ich deute dein Kopfschütteln mal als Nein. Ich geb dir jetzt mal einen ernst gemeinten Tipp: Glaub nicht alles, was du im Netz siehst. Zumindest sollten deine Alarmglocken klingeln, sobald da ein Karpfenangler auftaucht.“

Darf ich noch mal auf die Mon…?

„Pass auf! Die Karpfen sind jetzt nicht gerade für einen Marathon zu begeistern. Ihr Körper ist träge, was aber nicht für ihren Geist gilt. Nimmt er den Köder auf, bewegt er sich in Zeitlupentempo weiter. Da stellt sich doch die Frage, wie viel Zeit willst du ihm geben, bis er die Sache mit dem Haken merkt? Siehst du! Deswegen kurzes Vorfach und ein schweres Festblei.“

Ich hab den Einwand, dass der Karpfen das Gewicht nutzen könnte um den Haken zu lösen.

„Jetzt denk doch nicht immer in Korda-Videosequenzen! Erst mal hat der Karpfen gar kein Bock den Kopf wie wild zu schütteln. Schon vergessen? Es ist kalt, er träge! Und zweitens muss dein Blei so schwer sein, dass selbst ein Kopfschütteln nur einem Zweck dienen würde. Nämlich, dass der Haken noch tiefer eindringt.“

Die Frage nach der passenden Futtermenge zu stellen, hab ich mich nicht getraut. Aber ich hab genau hingesehen. In einem unbeobachteten Moment konnte ich sogar eine Luftaufnahme von seinem Futterboot machen. Kurz vor dem Start.

Erst hat mich die Futtermenge etwas irritiert. Sah es doch recht viel aus für die niedrigen Wassertemperaturen. Allerdings werden sich die Futterballen über den Boden verteilen und damit eine mega Lockwirkung aber keine Sättigung erzielen. Daneben ein, zwei Happen und der Hakenköder. Ich bin begeistert von der Kombination. Zumal das Futter anscheinend exakt mit den Ködern abgestimmt ist. Und es geht noch weiter. Er benutzt keine runden Boilies. Ich weiß nicht, wie ich diese Form nennen soll? Kleine Klumpen?

Später erklärt er mir, dass sein Stippfutter im Grund genommen seinem Boiliemix entspricht. Allerdings mit Paniermehl gestreckt. 50 : 50. Für eine bessere Bindung.

Nach der ganzen Theorie folgt in der Praxis dann tatsächlich ein schöner Spiegler.  

Fänger will nicht erkannt werden!

Kurz zusammengefasst: 5°C Wasser, schweres Festblei, kurzes Vorfach und Stippfutter direkt am Hakenköder.

Zum Schluss hat er noch einen zunächst etwas verwirrenden Tipp für mich.

„Die Meisten versauen sich einen frühen Fisch im Jahr mit zu viel Futter und gleichzeitig mit zu wenig Futter. Ein Karpfen frisst jetzt oft nur einen Boilie. Das reicht ihm für eine ganze Zeit. Bevor er den nächsten frisst können Stunden vergehen. Das heißt, jeder Boilie neben unserer Falle ist schnell einer zu viel. Aber ein einzelner Hakenköder hat keine nennenswerte Lockwirkung. Worauf ich hinaus will: Es werden oft zu viele Boilies gefüttert und gleichzeitig zu wenig fressstimmulierende Dinge. Vom einen zu viel, vom anderen zu wenig!“

Für mich war es ein interessantes Fischen. Offen blieb allerdings die Frage, wie verrückt normal ist und wie normal ein verrückter Karpfenangler sein muss?

Lars Müller