Endlich Wochenende!



Ich sitze im Auto und fahre Richtung Ungewissheit. Immer wenn man Gewässer befischen will, die etwas weiter entfernt liegen, fährt sie mit. Ganz besonders, wenn es sich um ein Fließgewässer handelt. Klar habe ich den Wetterbericht verfolgt, habe die Pegelstände beobachtet, aber eine hundertprozentige Gewissheit kann selbst das Internet nicht liefern. Ich sehe erst was ich kriege, wenn ich vor Ort bin.

Endlich auf der Bahn. Vollgas! Dann die Ernüchterung. Stop and Go. Die Autobahn ist voll. Es geht nur langsam voran. Nach einiger Zeit scheint sich der Stau endlich aufzulösen. Jetzt aber schnell. Dann, wie aus dem Nichts tauchen plötzlich rote Bremslichter vor mir auf. Ich höre Reifen quietschen und sehe Autos die nach links und rechts ausweichen. Während ich auf die Bremse hämmere, läuft mir ein kalter Schauer den Rücken runter. Ich bekomme mein Auto so gerade noch vor meinem Vordermann zum Stehen. Der Blick in den Rückspiegel verrät mir, dass mich der Fahrer hinter mir auch nur knapp verfehlt hat. Wie durch ein Wunder ist keinem etwas passiert. Lediglich mein Essen hat sich vor der Windschutzscheibe verteilt. Und im Fußraum. Ich bin total aufgelöst. Verdammt war das knapp! Auf einmal hab ich es nicht mehr so eilig.

Endlich angekommen, finde ich einen guten Wasserstand vor. Auch die Trübung ist akzeptabel, fast schon klar. Aber was mich am meisten freut: Kein Angler weit und breit. Leider nur auf den ersten Blick. Als ich das Ufer ablaufe, kann ich erkennen, wo überall in näherer Vergangenheit gefischt wurde. Allerdings lässt mich das im Moment eher kalt. Ich bin hier um die Tauglichkeit meines Futters zu prüfen. Warum nicht unter schwierigen Bedingungen? Allerdings ist diese Sorte nicht neu für mich. Sie hat sich schon in vielen Gewässern bewährt. Genießt also mein vollstes Vertrauen. Und genau das ist der Punkt. Ich befische hier eins der schwierigsten Gewässer die ich kenne. Ich weiß, dass man sich hier nach einer Saison ohne Karpfen nicht schämen muss. Also ist mir sehr wohl bewusst, dass einen Nullrunde keinen Aussagewert hat. Mir kann also nichts passieren. Sollte ich dennoch Karpfen fangen, habe ich einen weiteren Beweis für die Qualität meiner Köder.

Der Herbst ist, wie ich finde, eine der schönsten Jahreszeiten. Wenn man etwas Glück hat, erlebt man beeindruckende Naturschauspiele. Eine Mischung aus sonnigen Tagen und kalten Nächten mit Vollmond. Neblige Sonnenaufgänge und farbenprächtige Sonnenuntergänge lassen so manchen Trip unvergesslich werden.

Bereits in der ersten Nacht weckt mich ein Dauerton. Ich öffne die Augen und kann es kaum glauben. Beherzt setzte ich den Anhieb. Rute krumm und die Bremse läuft. Das gibt’s doch nicht, ich kann ihn nicht stoppen. Ich schätze, dass er mir noch so ca. zehn Meter abgenommen hat, bevor der Drill zum Stillstand kam. Von da an bewegte sich kaum noch etwas. Er stand einfach in der Strömung. So langsam machte ich mir Sorgen, dass er mir ausschlitzt oder Muscheln die Schnur kappen. Aber es half nichts, ich musste den Druck erhöhen. Zentimeter für Zentimeter kam er mit. Nachdem ich vielleicht zwei Meter gewonnen hatte, nahm er mir dafür drei wieder ab. Nach einiger Zeit machte er dann einen entscheidenden Fehler. Er zog stromauf und nahm zugleich Kurs auf mein Ufer. Jetzt konnte ich Schnur gewinnen. Er war nicht mehr weit weg. Er zog direkt unter der Oberfläche. Das Schlagen ließ einen guten Fisch vermuten. Fast schon zum Greifen nah. Doch jedes Mal, wenn er dem Schein meiner Kopflampe zu nah kam, gab er wieder Gas. Er quittierte jedes Anleuchten mit einer Flucht. Da sich der Drill aus meinen Augen schon viel zu lange hinzog und meine Angst wuchs ihn zu verlieren, ließ ich das Licht aus. Riskant, aber es hatte geklappt. Vor mir lag ein massiger Schuppenkarpfen. Definitiv mein größter Schuppi!

Für mich war jetzt schon alles perfekt.

Den nächsten Biss konnte ich am späten Vormittag verzeichnen. Super Timing! Ich war gerade fertig mit meinem Frühstück. Toast mit Pflaumenmus und einem meiner geliebten Kaffeegertränke. Dieser Fisch war um einiges ungestümer. Seine Fluchten waren deutlich explosiver. Gerade als ich mit dem Kescher in den Fluss wate, höre ich plötzlich eine Stimme aus dem Hinterhalt. „Na geht doch!“ Alter Schwede, hab ich mich vielleicht erschrocken. Wie sich herausstellen sollte, ein Kollege, also Karpfenangler. Machte einen wirklich netten Eindruck. Ich habe leider vergessen nach seinem Name zu fragen. Möchte mich aber trotzdem für das schöne Foto bedanken.

Den Rest des Tages habe ich mir mit essen, lesen und Vorfächer binden vertrieben. Ab und zu mal ein wenig füttern. Was man als Karpfenangler so macht.

Im Laufe des Tages hab ich mich dann mit einer kleinen Feldmaus angefreundet. Ich konnte beobachten, wie sie verzweifelt versuchte an mein Futter zu kommen. Ihre Bemühungen waren aber aussichtslos. Der Eimer war einfach zu hoch. Da konnte sie sich noch so anstrengen. Ich hab ihr dann ein wenig Futter ins Gras gelegt. Da ich sowieso gerade nichts Wichtiges zu tun hatte, wollte ich ein Foto von ihr machen. Ich fand sie irgendwie niedlich. Es stellte sich allerdings heraus, dass sie die Idee nicht so toll fand. Anfangs war sie doch sehr scheu und traute sich auch nur sehr langsam an mein Futter. Jedes Mal, wenn sie etwas davon erwischen konnte, wollte sie auch direkt damit weglaufen, blieb aber jedes Mal im Gras hängen. Ich hab ihren Leckerbissen dann immer wieder auf meinen kleinen Spot zurückgelegt. Nach über drei Stunden hatte ich dann endlich mein Foto. Und die Maus fast handzahm. Sie hat dann natürlich ihre längst fällige Gage bekommen.

Ein schöner Tag neigt sich dem Ende. Was die Nacht wohl bringen wird?

In der Dämmerung konnte ich noch eine Brasse überlisten. Gar nicht mal so klein, aber unspektakulär. Dann hatte ich noch eine Begegnung der besonderen Art. Ich stand gerade neben meinen Ruten und schaute mich um. Im Mondschein flog ein großer Vogel keine zwei Meter von mir entfernt vorbei. Eine Eule, ein Kauz oder irgend so was. Für mich war es eine Eule. Direkt auf meiner Höhe blickte sie mir genau ins Gesicht. Fast schon etwas gespenstisch.

Fallbiss! Nur ein paar Pieper. Ich setzte direkt den Anhieb. Neuer Rekord! Mein bisher kleinster Spiegler in diesem Fluss.

So langsam werde ich müde. Ich leg mich schlafen. Es muss weit nach Mitternacht sein, als ich durch einen Run geweckt werde. Scheiße, schießt es mir durch den Kopf. Meine Alarmanlage! Es gibt Gewässer, da sollte man vorsichtig sein. Besonders, wenn man alleine unterwegs ist. Und ich hasse Überraschungen. Ganz besonders in tiefster Nacht und besonders, wenn diese plötzlich ohne Vorwarnung vor einem stehen. Und man womöglich nichts davon mitbekommt und seelenruhig schläft. In diesem Fall habe ich taktisch günstig eine Schnur gespannt. Ein Ende ist fest, am Anderen hängt ein Blei. Die Schnur läuft über einen Bissanzeiger. Und genau dieser hat mir gerade einen Vollrun angezeigt. Ich schaff es gerade noch mich aufzusetzen, einen Bangstick und meine Lampe zu greifen, als eine dunkele Gestalt vor mir auftaucht. Ich leuchte sie an und frag, ob ich helfen kann. Ihr müsst wissen, dass hier niemand aus Zufall landet. Dafür bin ich zu weit weg vom Schuss. Wie sich rausstellen sollte, ein Russe oder Russlanddeutscher. Angeblich suchte er einen Kollegen. Dann kam die Frage, die ich hasse: Bist du alleine hier? Im Laufe des darauf resultierenden Gesprächs konnte ich recht schnell erkennen, dass er harmlos war. Meine Alarmanlage habe ich trotzdem verändert und etwas erweitert.

Beim nächsten Run handelte es sich tatsächlich wieder um einen Fisch. Bein Pumpen bekam ich kaum Gegenwehr, konnte aber etwas Gewicht spüren. Ich war mir nicht sicher, ob es überhaupt ein Karpfen war. Erst als ich ihn mit dem Bauch auf Grund gezogen hatte, kam Bewegung in die Sache. Ups, doch ein Karpfen.

Was für ein Wochenende! Die Natur hat sich von ihrer schönsten Seite gezeigt und der Fluss hat mir seine Schatzkammer geöffnet. Nervenkitzel inklusive. Warum muss ein Wochenende nur immer so kurz sein?

Lars Müller