Saisonstart!



Immer wieder eine Herausforderung früh im Jahr einen Karpfen zu fangen. Oder gehört ihr etwa zu den „Glücklichen“, welche das Wort „Blanken“ nur aus Fachartikeln kennen? Abgesehen von ein paar Fischen im Januar war für mich das Fangen schnell wieder vorbei. Meine zwischenzeitlichen Bemühungen ließen lediglich die ortsansässigen Reiherenten immer fetter werden. Welch Freude, wenn man beim ersehnten Fischen feststellen muss, dass sie die ganze Nacht durchtauchen. Im Klartext hieß das für mich: Eine Nacht mit wenig Schlaf und der Gewissheit, dass mein Futter für die Katz war. Na ja, eher für die Enten. Dieses Spiel wiederholte sich auch am nächsten Gewässer. Vielleicht lieber aufs Vorfüttern verzichten? Ist ja nicht so, als hätte ich nicht darüber nachgedacht. Macht in diesen beiden Gewässern allerdings wenig Sinn. Da ich mich nicht weiter mit den Vögeln ärgern wollte, habe ich kurzerhand die Gewässer gewechselt. So standen schon recht bald drei Nächte an zwei verschiedenen Gewässern vor mir. Ohne Wasservögel!

Nacht Eins

Ich gebe zu, ich habe mit der Futtermenge ein wenig gepokert. Ein Kilo Boilies pro Tag kann im Frühjahr auch schnell zu viel sein. Allerdings hatte ich doch eine ungefähre Vorstellung vom Karpfenbestand. Dazu war die Wassertemperatur hoch genug und das Wetter perfekt. Ich war mir sicher, dass sie fressen.

Da saß ich nun auf meiner Liege und es verging Stunde um Stunde. Es rührte sich nichts. Hatte ich doch zu hoch gegriffen? Erst tief in der Nacht bekam ich die ersten Pieper. Und damit auch die erste Brasse. Ein Klodeckel! Na toll! Aber ich hab mich wirklich gefreut. Damit war für mich nämlich sicher, dass die Futtermenge nicht zu hoch war. Meine endgültige Bestätigung kam dann etwas später. Ein kleiner Spiegler.

Mir fielen sofort einige Parasiten auf. Könnt ihr auf dem oberen Foto sehen. Ein Zeichen, dass die Karpfen noch nicht voll auf Touren sind.

Nachdem ein weiterer niedlicher Karpfen etwas frische Luft schnappen wollte, konnte ich dann mit meiner Frau in Ruhe frühstücken. Welch ein Luxus: Frische Brötchen und heißer Kaffee. Könnte ein Tag schöner anfangen?

Nacht Zwei

Mittlerweile habe ich das Gewässer gewechselt. Auch hier habe ich von der Menge her etwas über ein Kilo gefüttert. Eine Kombi aus Boilies, Dumbels und Pellets. Aber hier kennen die Karpfen eh alles.

Zur Unterhaltung habe ich mir mal wieder eine Karpfenzeitschrift gekauft. Und mal im ernst, nachdem ich die Zeitschrift durch hatte, stand ich irgendwie neben mir. Die ganzen Boilies. Es gibt ja tausende davon. Und jeder hat die Besten. Wie ist so etwas überhaupt möglich? Mal im ernst, ich stand da am Wasser um hab überlegt, was für ein Vorfach ich denn jetzt am Besten nehmen müsste. Die meisten Dinge klingen ja doch irgendwie plausibel. Aber alles auf einmal geht ja auch nicht. So jetzt reichts! Go your own way! Also verlasse ich die Traumwelt der Karpfenspezis und stelle eigene Überlegungen an. Für mich enden diese Überlegungen in einem 2er Wide Gape Haken an einem recht kurzen Vorfach. Als Köder dient mein eigener Boilie. Welcher übrigens auch der Beste ist.

Aus der Märchenwelt ist mir ein Begriff im Kopf geblieben: Frühjahrskracher! Wäre schon nicht schlecht gleich zum Saisonstart einen Kracher auf die Matte zu legen. Und da pfiff auch schon die Rute ab. Nein, im Gegenteil, es passierte lange Zeit nichts. Die Nacht lag schon hinter mir und ich fand die trübe Suppe vor mir gar nicht mehr so toll. Der lärmende Saugbagger lag mir schon wie ein Tinnitus im Ohr. Das war wohl nichts, dachte ich bei mir und drehte mich noch mal auf die andere Seite. Vielleicht kann ich noch ein bisschen schlafen. Wie aus dem Nichts hörte ich plötzlich meine Bremse und den dazugehörigen Dauerton. Ein Fisch? Ich konnte es kaum glauben. Aber ich stand tatsächlich mit krummer Rute am Wasser. Das der Fisch nicht ganz schlecht sein konnte, war mir schnell klar. Obwohl er direkt unter der Oberfläche schwamm, konnte ich absolut nichts erkennen. Erst als er nach einem Richtungswechsel Vollgas gibt und dabei das Wasser zum Kochen bringt, lege ich mich fest. Der ist gut! Zumindest was die Länge angeht. Im nachhinein hat dieser Fisch meinen vollsten Respekt verdient. Der Drill war Hammer! Und für mich eine völlig neue Erfahrung. In so trübem Wasser habe ich vorher noch keinen Karpfen gefangen. Selbst beim Keschern konnte ich nur einen Bruchteil des Fisches sehen. Beim Blick in den Kescher wurde meine Freude dann umso größer!

Da war er: Mein Frühjahrskracher!

Die schönen Fotos hierzu hat meine Schwester gemacht. Eigentlich sollte meine kleine Nichte mit aufs Foto, aber sie hat sich nicht mal in die Nähe dieses wohl sehr merkwürdigen Tieres getraut. War für den ersten Karpfen vielleicht ne Nummer zu groß.

Einige Zeit später sitze ich gemütlich und zufrieden auf meinem Karpfenstuhl und beiße gerade in mein Brötchen. Im Augenwinkel sehe ich, wie mein Swinger runter fällt. Das Piepen war wohl irgendwie mit meinem Tinnitus verschmolzen. Sofort setzte ich den Anhieb und kurble was das Zeug hält. Scheint was dran zu sein. Erst am Ufer erkenne ich den Fisch. Da er knapp gehakt ist, nehme ich doch lieber den Kescher.

Ein Maul wie ein Karpfen. Es handelt sich um einen meiner liebsten Beifänge. Eine Schleie! Da ich keinen Fotografen in der Nähe hatte, machte ich eben selbst ein paar Portraits. Leider hatte ich mein Zentimetermaß vergessen. Aber ich wollte wissen wie groß diese Schönheit war. Auf jeden Fall meine größte Schleie überhaupt. Ich habe kurzerhand ein Stück trockenes Schilf auf ihre Länge gekürzt. Und zu Hause nachgemessen: 61.5cm!

Hätte ich das vorher gewusst, könntet ihr sie jetzt in ihrer vollen Schönheit bewundern. Aber wenn man kurze Zeit vorher ein Schwergewicht auf den Armen hatte, kommt einem selbst so ein Fisch nun mal recht klein vor.

Nacht Drei

Wenn es am Schönsten ist, soll man ja bekanntlich aufhören. Hab ich nicht gemacht. Hätte ich aber machen sollen. Der Wind hat sich im Laufe des Tages gedreht und peitschte den einsetzenden Regen gleich über Stunden in meine Strandmuschel. Meine Knie, mein Schlafsack, alles nass! Bei einer Windböe passierte, was passieren musste. Ich konnte meine Muschel noch so gerade mit einer Hand erwischen. Ich war kurz vorm Aufgeben. Egal, nach einer feuchten Nacht, ohne Fisch, war der Saugbagger mittlerweile direkt neben meiner Stelle. Als dann das erste Segelboot beide Montagen eingesammelt hat, hab ich klein bei gegeben.

Mit einem Lächeln!

Lars Müller