Flusskarpfen!



Die nächsten Tage verbringe ich an einem Fluss, welcher mir noch nie gnädig war. Ich will nicht unbedingt behaupten, dass ich das Flussfischen hasse, aber stehende Gewässer sind mir eindeutig lieber. Da bleibt Montage und Futter wenigstens da liegen, wo ich will. Im Fluss gelten andere Gesetze! Im Folgenden werde ich mich meinen Dämonen stellen und mich mit Strömung, Futter und Schifffahrt auseinandersetzen. Dabei beziehen sich meine Überlegungen konkret auf die Strecke, an der ich gerade sitze. Also im eigenen Interesse nicht alles verallgemeinern!

 

Hartnäckig hält sich die Aussage: Im Fluss kannst du so viel füttern, wie du willst, die Karpfen hältst du sowieso nicht! Hmm? Ist das Vorfüttern dann nicht auch sinnlos? Aber, warum fängt man in der Regel besser, wenn vorgefüttert wurde? Man sollte nicht jeden Quatsch glauben! Karpfen haben von je her integrierte GPS-Geräte. Wenn sie auf den Knopf drücken, kommen sie auch zurück! Ich habe meine Stelle im Übrigen nicht vorbereitet. Hätte es gerne, aber mangelnde Zeit und erhöhte Spritpreise haben mir die Hände gebunden.

 

Futter

Auch wenn man immer wieder hört, dass Flussfische nicht wählerisch sind und tatsächlich hin und wieder auf irgendwelchen Kirmesboilies gefangen werden, bin ich der Meinung, dass gerade im Fluss, wo das Blanken erfunden wurde, kein Zweifel an den Ködern bleiben darf. Boilie ist nicht gleich Boilie und Pellet nicht gleich Pellet! Bei Partikeln kann man meiner Meinung nach nicht so viel falsch machen. Um für meine Situation das richtige Futter zu wählen, musste ich ein paar Dinge in Erfahrung bringen. Im Grunde geht es darum, die optimale Form, Größe bzw. Gewicht und die Färbung festzulegen. Mal ganz abgesehen vom Geschmack. Wohl am einfachsten war es da mit der Farbe. Ich nenne es mal optische Sichtbarkeit des Futters. Ich glaube im Übrigen nicht, dass Karpfen in Farbe sehen können. Aber selbst wenn, wäre das hier von Vorteil. Ich bin allerdings sicher, dass er Kontraste erkennt. Und das ziemlich gut! Für mein Futter heißt das, dunkler Boden = helles Futter bzw. heller Boden = dunkles Futter. Bin ich mir nicht sicher wie der Grund farblich aussieht oder will eine Vorliebe der Karpfen abdecken, welche keinen Kontrast erzeugen würde, so berücksichtige ich beide Seiten.

 

In meinem Fall besteht der Grund aus einer Mischung von Kies und Steinen. Nur kurz am Rande: Mit etwas Übung kann man die Grundbeschaffenheit mit z.B. einer Spinnrute schnell herausfinden. Mit geflochtener Schnur und entsprechendem Blei wird der Boden abgetastet. An der Art und Weise, wie das Blei auf den Grund schlägt bzw. über ihn gezogen wird, kann seine Beschaffenheit ermittelt werden. Farblich gesehen war er in meinem Fall eher dunkel. Folgendes Foto zeigt, welchen Kontrast ich gewählt habe.

 

 

Schaut euch das Foto mal genau an. Da liegen nicht nur 12 Köder, in der Summe sind es 24! Genau das meine ich mit Kontrast!

 

Gewicht und Größe sind unweigerlich miteinander verbunden. Große Köder sind nun mal schwerer, haben aber auch eine größere Angriffsfläche für die Strömung. In meinem Fall habe ich Zylinder mit einem Durchmesser von 22mm gewählt. Sie sinken recht schnell und bei der hier gegebenen Bodenstruktur können sie sich mit ihrer Form optimal in die Zwischenräume legen. Die 90 Grad „Ecken“ verkeilen sich regelrecht zwischen den Steinen. Trotzdem ist das Futter so groß, dass es sich nicht verstecken kann.

 

Strömung

Wer im Fluss fischt, weiß natürlich auch, dass unser Futter nicht genau da auf den Grund trifft, wo wir es ins Wasser werfen. Leider nicht! Und dummer Weise entscheidet genau dieser Punkt maßgeblich über die ersehnten Kopfschläge. Wenn man die Karpfen vom Haken wegfüttert, ist das irgendwie kontraproduktiv. Wenn wir zwei Sachen in Erfahrung bringen, können wir dieses Szenario vermeiden. Wie schnell ist die Strömung und wie schnell sinkt unser Futter? Ach ja, und wie tief wollen wir fischen. Diese Angabe hatte ich wohl vorausgesetzt. Hier vor Ort versuche ich gerade mit einer Pose die Strömungsgeschwindigkeit zu ermitteln. Ihre Angriffsfläche ist so groß gewählt, wie die meiner Zylinder. In vier Sekunden treibt sie ungefähr einen Meter weit. Wem das zu umständlich ist, der beobachtet einfach etwas Treibgut. Das ist dann aber nicht mehr ganz so genau. Sollte kein Treibgut vorhanden sein, …da kann man nachhelfen. Und den Meter schätzen wir einfach.

 

Wie gut, dass dieser Fluss gerade klar ist. (Sonst wäre ich mit Sicherheit nicht hier) So kann ich vor meinen Füßen sehen, wie ein gelbes Ding recht zügig zu Boden sinkt. Diese Angabe finde ich schon fast lustig. Mein Futter sinkt in vier Sekunden einen Meter tief. Wenn ich jetzt richtig gerechnet habe, müsste ich, bei einer Tiefe von ca. vier Meter, mein Futter ebenfalls vier Meter vor meinem Hakenköder platzieren. Da ich die Praxis lieber mag und der Theorie nie ganz vertraue, rechne ich plus/minus einen Meter. Das heißt, ich füttere einen mindestens zwei Meter breiten Streifen. Also das Futter drei bis fünf Meter davor ins kühle Nass. So habe ich ein wenig Spiel. Und ob mein Köder jetzt am Anfang, in der Mitte oder am Ende davon liegt, ist mir egal. Hauptsache am Ende läuft die Rute. Oder am Anfang!

 

Lasst euch nicht vom Strömungsdruck täuschen. Alleine die Schnur ist der Grund, warum wir so hohe Gewichte benutzen müssen. Meine liegen z.B. zwischen 160g und 300g.

 

Schifffahrt

 

 

Kommen wir zum eigentlichen Problem. Die Schifffahrt! Nach jedem Kahn, Frachter, Tanker, wie auch immer man diese Höllendinger nennen will, ist das Futter doch weg, oder? Zumindest ein paar Meter weiter unten! Oder wie seht ihr das? Einigen wir uns darauf, dass es verdammt schwer ist, fast unmöglich, das eigene Futter im Auge zu behalten.

 

Versuche sind ja immer so schön aufschlussreich. Direkt vor mir scheint der Grund identisch mit dem auf meiner Stelle zu sein. Wir erinnern uns: Steine und Kies! Allerdings im Uferbereich so flach, dass ich hier auf Bewegungen des Futters zunächst keine Rückschlüsse treffen konnte. Kennt ihr das, wenn ein großes Schiff vorbei fährt? Das Wasser wird mit einem enormen Sog weggezogen und schwappt anschließend zurück, meistens bis über das Ufer. Genau das hat mir bei diesem Versuch geholfen. Ich bin davon ausgegangen, dass dieser Sog größer ist, als die Wasserverdrängung im Bereich meiner Montage. Genug der Vorrede. Futter ins Wasser und gucken was passiert. Was soll ich sagen, ich war wirklich erstaunt. Der Sog war unglaublich, aber mein Futter blieb bis auf ein paar Zentimeter liegen. Es legte sich lediglich in die Zwischenräume der Steine. Ich hätte gewettet, dass alles aus meinem Sichtfeld verschwindet. Doch selbst nach dem dritten Schiff lag es fast unverändert. Da musste ich meine Ansichten wohl noch mal überdenken. Aber das war ja erst die eine Seite der Medaille.

 

 

Wir haben uns mit der Strömung beschäftigt und mit dem Sog unserer Peiniger. Worüber wir noch nicht gesprochen haben ist die Verwirbelung, verursacht durch die Schiffsschraube. Wird unser Futter nicht bei jedem Dampfer, der vorbei fährt, hoch gewirbelt? Und dann von der Strömung Flussabwärts getragen? Na ja, ich muss gestehen, dass ich hier eher im Dunkeln tappe. Für mich ist klar, dass die Schiffsschraube, bei genug Tiefgang den Grund aufwühlt. Für uns wäre dann wohl wichtig zu wissen, wie tief unser Spot liegt und wie tief der darüber fahrende Frachter. Das Rätsel, wie hoch unser Futter gewirbelt wird, müsst ihr leider selber lösen. Da ist mein IQ wohl zu begrenzt. Aber schweres Futter, wie z.B. Boilies oder Pellets über 22mm sinken fast wie ein Stein wieder zu Boden. Das heißt, wenn unser Futter flussabwärts wandert, dann relativ langsam!

 

Um den ganzen Überlegungen gerecht zu werden, habe ich mir meine eigene Taktik zu Recht gelegt. Ich habe alle Köder in einer Linie parallel zum Ufer gefischt. Mein Plan war es kontinuierlich Futter ins Wasser zu bringen. So habe ich je nach Schiffsverkehr ein bis drei Kellen Futter nach jedem Schiff gefüttert. Immer so, dass es passend für meine oberste Rute auf den Grund kam. Alles andere habe ich den Schiffen bzw. der Strömung überlassen. Nach dem vermeintlich letzten Kahn des Tages habe ich etwas mehr gefüttert. Dann passend für alle Ruten. Ob meine Überlegungen aufgegangen sind, lass ich euch entscheiden.

 

 

Habt ihr schon mal versucht eine Barbe mit Selbstauslöser zu fotografieren?

 

 

Na, geht doch! Übrigens steht dieser Schuppenträger stellvertretend für ein paar seiner Artgenossen und einer Hand voll Döbel, die meine Futterstrategie als Erstes verstanden haben.

 

 

Die Freude steht mir ins Gesicht geschrieben. Mein erster Karpfen in diesem Fluss.

 

 

Ich war regelrecht erschrocken, als ich erkennen konnte, was für Vögel da in die Luft stiegen. Hier ist nur ein Bruchteil zu erkennen. Kormorane!

 

 

Was für ein Brocken!

 

 

Verdammt, waren die Nächte kalt!

 

 

Zum Schluss möchte ich noch eins klarstellen. Egal wie gut oder ausgeklügelt eine Taktik auch immer sein mag, ein kleines bisschen Glück gehört eben auch dazu.

 

Lars Müller