Gedankenanregungen!



Ich stehe am Ufer. Meine Rute bildet einen Halbkreis und irgendwas zieht mir Meter für Meter von der Rolle. Kurz darauf verliere ich den Kontakt. Ausgeschlitzt! Das fängt ja gut an. Zu diesem Zeitpunkt lag meine Rute noch keine halbe Stunde im Wasser. Wenigstens haben die Fische unseren Spot angenommen. In dieser Situation ein eher schwacher Trost.

 

Kurz vorweg: Wir haben die Stelle zwei Tage vorher gefüttert. Mit zwei verschiedenen Sorten Boilies, von jeweils zwei Kilo, sowie einem Partikelmix um die 15 Kilo pro Tag. Von den Kugeln hat sich später beim Fischen Eine durchgesetzt. Die Gelbe mit den roten Punkten (Für Insider: Vanilla Cake!)

 

Bereits nach der ersten Stunde konnten wir fünf Läufe verzeichnen. Es ging Schlag auf Schlag. Eine Rute nach der Anderen, bis wir schließlich Keine mehr im Wasser hatten. Dafür aber zwei Fische, die auf eine kleine Fotosession warteten.

 

Nach dem nächsten Biss ließ schon die erste Drillphase vermuten, was da gleich zum Vorschein kommt.

 

Ein schöner Grasfisch. Für mich war das Fischen schon ab diesem Zeitpunkt perfekt. Haltet mich bitte nicht für unhöflich, dass ich meinen Kollegen noch nicht vorgestellt habe. Er hat eine etwas andere Einstellung zum Angeln und zum Thema Fotografie. Für einen profiliersüchtigen, wie mich, hat er damit das erste Mal für Erstaunen gesorgt. „Nee, ich brauch kein Foto!“

 

Ich habe überlegt, ob ich euch ein wenig über meine Montage erzähle, aber ihr wärt wahrscheinlich enttäuscht. Aus meiner Sicht sind ganz andere Dinge fangentscheidend. Natürlich muss eine gewisse Funktionalität gegeben sein. Meine sieht wie folgt aus: Haken, Vorfach, Wirbel und ein Festblei. Diese und die Wahl des Vorfachs hängt von der Grundbeschaffenheit und dem Fressverhalten der Fische ab. Wer beiden Faktoren berücksichtigt, wird auch bald mit krummer Rute am Wasser stehen.

 

Was das Fressverhalten angeht, hat das Wetter wohl den größten Einfluss auf die Schuppenträger. Auch, wenn sich viele im Juli über das „schlechte“ Wetter beschwert haben, für uns Angler war es perfekt. Nicht zu warm, Regen und Wind haben für viel Sauerstoff im Wasser gesorgt und die nervigen Badegäste hielten sich auch in Grenzen. Die Fische haben mir, mit ihrer enormen Kampfkraft bestätigt, dass ihr Stoffwechsel auf Hochtouren arbeitet. Das Fressverhalten legt meiner Meinung nach die Länge unseres Vorfachs, sowie deren Hakengröße fest. Aber je besser die Fische fressen, desto unwichtiger werden diese Punkte.

Anders die Grundbeschaffenheit. Sie sollte immer ausreichend berücksichtigt werden. Um etwas mehr Licht in die Sache zu bringen, vieles steht und fällt mit der Präsentation unseres Köders. Wo sollten wir ihn am Besten positionieren? Und wie? Hier noch ein paar Gedankenanregungen: Wie genau sieht der Grund aus? Ist er waagerecht oder fischen wir auf einer Schräge? Welche Farbe hat er? Könnte sich der Köder irgendwo verstecken? Müssen wir Strömung berücksichtigen? Von wo kommen die Fische? Etc.

 

In der folgenden Nacht sorgte mein Kollege das zweite Mal für Erstaunen bei mir. Nachdem er zwei Fische in Folge fangen konnte, legte er die Ruten beiseite und ging zurück auf seine Liege. Sein Kommentar: „Ich hab genug gefangen!“ Ich war entsetzt und zugleich fasziniert. Normalerweise gibt es nicht allzu viele Nächte, die so gut laufen. Wie kann man die Ruten in so einer Situation wegstellen? Wenn ich ehrlich bin, gab es bei mir dieses Jahr nur eine vergleichbare Nacht. Eine Nacht ohne Schlaf! So etwas hatte ich vorher noch nie erlebt. Wir haben Fische im Halbstundentakt gedrillt. Von 23 Uhr bis ca. halb zehn. Come on Nico! Aber das ist eine andere Geschichte. In diesem Fall konnte ich meinen Kollegen nicht dazu bewegen die Ruten noch einmal in die Hand zu nehmen. Erst am nächsten morgen, nach dem Frühstück.

 


 

Mein persönliches Highlight bekam ich jedoch noch einige Zeit vor unserem Frühstück. Ich war gerade wieder im Land der Träume, als ich erneut zur Rute gerufen wurde. Ein guter Grasfisch konnte meiner Kugel anscheinend nicht widerstehen. Auf meinen Kescher hatte er allerdings weit weniger Lust. Der Drill zog sich dermaßen in die Länge, dass es mir fast schon peinlich war. Aber ich wollte diesen Fisch nicht noch im letzten Moment verlieren. Jedes Mal, wenn er wieder in greifbarer Nähe war, erfolgte eine heftige Flucht. In der Summe hat der Kampf dann etwas über eine halbe Stunde gedauert.

 

Aber ich habe gewonnen! Der Haken hing so lose, dass bereits ein Drillfehler für einen anderen Ausgang gesorgt hätte.

 

Ein makelloser Graskarpfen mit einer tollen Färbung.

 

Schon kurze Zeit später bekam ich einen erneuten Vollrun. Es sollte der letzte für dieses Fischen sein. Auch dieser Spiegler entpuppte sich als guter Kämpfer. Zusammengefasst konnten wir von 16 Kontakten 13 Fische für uns gewinnen.

 

Der letzte von einer tollen Session. Ich möchte mich an dieser Stelle bei meinem Kollegen Andy, nicht nur für die schönen Fotos, sonder auch für einige Gedankenanstöße bedanken. Für mich waren diese gemeinsamen Stunden am Wasser sehr lehrreich. Und vielleicht werde ich in ein paar Jahren eine ähnliche Gelassenheit entwickeln können. Aber bis ich so weit bin, müssen meine Ruten im Wasser sein!

 

Lars Müller