Einmal ohne Futter bitte!



Noch etwas müde von der Nacht sitze ich auf meinem Karpfenstuhl. Ich genieße die ersten warmen Sonnenstrahlen an diesem Morgen. Mit geschlossenen Augen fühle ich, wie die Sonne langsam ihre volle Kraft entfaltet. Nebelschwaden, die wie Gespenster ihre Bahnen ziehen, beenden ihren Tanz. Es wird Zeit den Pullover auszuziehen.

Könnt ihr euch noch an die letzten Tage im September bzw. die ersten im Oktober erinnern? Sonne pur, bei bis zu 27°C. Als ich vor einem halben Jahr eine Woche Urlaub einreichte, hätte ich von so einem Wetter nur träumen können. Aber Petrus war auf meiner Seite. Für diese Woche hatte ich mir gleich zwei Ziele gesteckt. Einen Meterhecht und einen großen Graskarpfen! Wie sich herausstellen sollte, waren beide Ziele zu hoch. Von den 15 Hechten, die ich mit der Spinnrute fangen konnte, kam nicht einer an diese magische Marke. Die Graskarpfen waren da sogar noch dezenter. Sie haben mich komplett hängen lassen. Wenigstens hatten die Karpfen ein wenig Mitleid mit mir. In zwei Tagen konnte ich zehn Fische zwischen 15 und 20 Kilo fangen!

Schon beim Spinnfischen konnte ich einige Karpfen beobachten. Aber nicht nur die Schuppenträger, auch eine Menge Karpfenangler. Nach ein paar Tagen wusste ich also nicht nur wo sich die Karpfen aufhalten, ich wusste auch, wie die meisten Karpfenangler vorgingen. Entweder wurde direkt vor den Füßen gefischt oder in einer recht überschaubaren Entfernung. Was bei dem ganzen Kraut in diesem See nicht mal eine schlechte Idee ist, wenn man kein Boot benutzen darf. Ich habe mit einigen Karpfenanglern gesprochen und in der Summe den Eindruck gewonnen, dass es zurzeit nicht allzu gut läuft. Jeden Abend konnte ich sie dann beim Füttern beobachten.

Für mich stand schnell fest, dass die Fische dem Angeldruck gewichen sind. Sie haben sich quasi in die Mitte des Sees geflüchtet. Genau da konnte man sie auch springen sehen. Da ich davon ausging, dass größere Mengen Futter die Karpfen mittlerweile abschrecken, habe ich auf ein Vorfüttern komplett verzichtet. So landeten meine Köder direkt zwischen leichtem Kraut in der Ferne. Auf eine Hand voll Futter um die Köder wollte ich trotzdem nicht verzichten. Aber warum direkt im Kraut? Auch auf die Gefahr, dass meine Montage nicht einwandfrei liegt, war ich mir doch sicher, dass die Karpfen hier nicht ganz so Vorsichtig fressen. Zunächst sah es so aus, als würde ich falsch liegen. Vielleicht lag ich auch falsch. Ich habe die Nacht nicht wirklich gut geschlafen, obwohl ich keinen Fisch gefangen habe.

Dann endlich in den frühen Morgenstunden kam Bewegung in die Sache. Es folgte fast ein Run nach dem anderen. Ich hatte gerade wieder einen Bartelträger im Netz, da lief auch schon die nächste Rute. Etwas später stand ich dann im knietiefen Wasser mit zwei guten Fischen im Kescher. Was für ein Anblick! Gleich zwei breite Rücken nebeneinander. Scherzhaft habe ich gedacht, wie soll man denn so Fische fangen, wenn keine Rute im Wasser ist. Es war einfach unbeschreiblich! Selbst die spätere Fotosession wurde zwei Mal unterbrochen. Manchmal haben die Karpfen einfach keinen Anstand. An dieser Stelle möchte ich mich noch mal bei Michael und Andre für die schönen Fotos bedanken! Ihr habt was gut! Leider kann ich euch nicht jeden Karpfen präsentieren, da ich zunächst gar nicht vor hatte ein Bericht zu schreiben. Also hier eine kleine Auswahl:

Auch wenn mir einige dieser Karpfen nicht unbekannt sind, war es für mich eine Freude zu sehen, wie gut sie sich entwickelt haben.

Nachfolgend möchte ich mich an alle wenden, die in Zukunft über 100 Meter Kraut fischen wollen und noch keine richtige Erfahrung damit haben. Zum Wohle der Fische solltet ihr schon wissen was ihr da macht. Wenn ich nachfolgend von Kraut spreche, meine ich in erster Linie ähriges Tausendblatt und die kanadische Wasserpest. Es gibt durchaus andere Krautsorten, die eine andere Vorgehensweise erfordern.

Erst mal sollte natürlich das Gerät stark genug sein. Also eine nicht zu leichte Karpfenrute, 40er Mono (ab und zu findet man kleinste Muscheln zwischen dem Kraut, da wäre eine geflochtene Schnur zu schnell durch), ein starkes Vorfach (ruhig 35 Lbs) und einen Haken, der nicht zu schnell aufbiegt oder ausschlitzt. Also eine etwas dickere Variante! Das Blei sollte recht schwer sein (mind. 150g). Das hat einen einfachen Grund. Ein Karpfen flüchtet gegen den Widerstand. Bei schweren Bleien fast immer nach oben. Genau da wollen wir ihn auch haben. Und da muss er bleiben, bis er zum Greifen nah ist. Das heißt: Druck machen! Ein Fisch, der schon volle Fahrt aufgenommen hat, ist manchmal schwer zu stoppen. Jeder Meter zwischen uns und ihm kann uns leider zum Verhängnis werden. Also nie zu weit weg von den Ruten! Wer beim ersten Anzeichen den Anhieb setzt (oft neigt sich die Rutenspitze, bevor der erste Pieper kommt) hat gute Chancen die ersten Meter Schnur zu gewinnen, ohne das der Karpfen richtig merkt was los ist. Aber was dann?

Nur mit entsprechendem Druck können wir den Fisch oben halten. Dabei muss man schon mal an die Grenzen des Gerätes gehen. Die beste und stärkste Kombination nützt uns überhaupt nichts, wenn wir sie nicht richtig einsetzen. Unser Ziel ist es Meter für Meter an Schnur zu gewinnen und den Fisch dabei über dem Kraut zu halten. Ist er bereits an der Oberfläche, darf man natürlich nicht reißen wie ein Irrer. Es kann weder unser Anliegen sein ihn auszuschlitzen noch ihn abzureißen. Also keine sinnlose Gewalt! Geht der Fisch wieder tiefer (ins Kraut) muss der Druck langsam erhöht werden. Pumpen! Das schlimmste was uns passieren kann ist Stillstand. Sitzt er erst mal bombenfest, haben wir ein Problem. Aber keine Panik, vorsichtig die Spannung lösen und Hoffen, dass er sich wieder frei wühlt. Das kann dann schon mal ein paar Minuten dauern. Ist der Fisch gut, schwimmt er sich relativ schnell wieder frei oder er reißt sich vom Haken los. Wenn sich nach einiger Zeit nichts tut bleibt noch der Versuch, den Fisch aus einer anderen Richtung zu lösen. Hier sind die Möglichkeiten leider, je nach Platzwahl oft begrenzt. Mit Lösen meine ich kein Reißen in der Rute sondern einen stetigen Druckaufbau bis kurz vorm Abriss. Je länger das Ganze dauert, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Fisch sowieso schon weg ist. Wenn das alles nicht hilft und kein Boot zur Verfügung steht oder die Temperaturen nicht zum Baden einladen, bleibt wohl nur noch eine Zerreißprobe. Viel Glück!

Noch ein paar Kleinigkeiten die so manchen Vorteil bringen. Benutzt nur Bleie, die sich im Ernstfall von der Montage lösen können. (z.B. mit Saftyclip, auf keinen Fall Inlinerbleie) So lässt sich ein Karpfen viel einfacher durchs Kraut pumpen! Auch bei der Platzwahl kann man sich einen Vorteil verschaffen. Je höher ihr über dem Wasserspiegel steht, desto „leichter“ könnt ihr den Fisch oben halten! Weil es so wichtig ist, noch einmal: Seid nicht zimperlich im Drill! Ihr werdet den Karpfen sowieso nicht fangen, wenn er schlecht gehakt ist. Ist er aber gut gehakt und ihr macht zu wenig Druck, so dass er ins tiefste Dickicht flüchten kann, werdet ihr ihn abreißen. Die Verantwortung für diesen Fisch habt ihr zu tragen!

Wer über viel Kraut angeln will, sollte sich vorher kritisch fragen, ob er überhaupt eine realistische Chance hat einen Fisch zu fangen. Auch das von mir genannte Kraut kann so dicht sein, dass sogar der Versuch strafbar wäre! Leider werden jedes Jahr durch Unwissenheit und Dummheit viele Fische im Kraut abgerissen. Ich kann nur Hoffen, dass in Zukunft dem einen oder anderem Karpfen ein Abriss erspart bleibt! Das Fischen im Kraut ist eine sehr spannende Angelegenheit und die Freude gleich doppelt so groß, wenn man um den Fisch zittern musste.                                                                                                                                                                               Viel Glück im Drill!

Das sollte es jetzt eigentlich gewesen sein. Aber bei meinen letzten Stunden am Wasser konnte ich noch ein paar Karpfen überreden. Wieder mitten im Kraut! Also ohne viele Worte hier noch ein paar Fotos zur Motivation.

Lars Müller